„Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung hilft“

Dirk Eidemüller

Das Bild zeigt die überfluteten Straßen und zerstörten Häuser von Schleiden.

DLR-ZKI

Nach sechs Jahren veröffentlichte der Weltklimarat – IPCC – nun einen weiteren Sachstandsberichts zum aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Dieser beschreibt den aktuellen Zustand sowie zukünftige Szenarien des Weltklimas und belegt zweifelsfrei den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Im Interview mit Welt der Physik berichtet Veronika Eyring vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Universität Bremen über die Fortschritte der Klimaforschung und die Folgen der menschenverursachten Treibhausgasemissionen.

Welt der Physik: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aussagen des neuen IPCC-Reports?

Veronika Eyring

Veronika Eyring: Wir haben mit dem Bericht einen Realitätscheck geliefert: Die jüngsten Klimaveränderungen sind weitverbreitet, schnell, verstärken sich und sind seit Jahrtausenden beispiellos. Der Klimawandel ist menschengemacht. Darauf weist der IPCC schon seit seinen frühen Berichten in den 1990er-Jahren hin, die Beweislinien hierfür sind aber über die Zeit immer stärker geworden. Mit verbesserten Klimamodellen, einem verbesserten Verständnis des Klimasystems und neuen Methoden können wir auch robustere Vorhersagen zur Erwärmung im 21. Jahrhundert unter bestimmten Emissionsszenarien liefern, sowohl global als auch für unterschiedliche Regionen der Erde.

Welche Faktoren tragen denn zur Erderwärmung bei?

Die natürlichen Haupttreiber für die Änderungen der globalen Oberflächentemperaturen sind Sonneneinstrahlung und Vulkanausbrüche. Beide können zusammen aber nur kleine Schwankungen – im Bereich von Zehntelgrad – auslösen. Wir beobachten aber bereits eine globale Erwärmung um 1,1 Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten, wenn man die letzte Dekade als Referenzwert nimmt. Dies ist nur durch den Ausstoß von Treibhausgasen durch den Menschen erklärbar. Und damit ist die aktuelle Erderwärmung schon sehr nahe an den Vorgaben des Pariser Klimaabkommens, die Erwärmung möglichst auf 2 beziehungsweise 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Zudem ist die klimatische Erwärmung in den letzten zwei Jahrzehnten enorm schnell und beispiellos in der Klimageschichte.

Was hat das für Konsequenzen?

Der Klimawandel wirkt sich bereits jetzt auf alle Regionen der Erde in vielfältiger Weise aus. Die Veränderungen, die wir erleben, werden mit weiterer Erwärmung zunehmen. Wir haben stärkere Belege, dass Wetter- und Klimaextreme wie Hitzewellen, Starkregen und Dürren darauf zurückführen sind, dass der Mensch Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre ausstößt, und dass sie mit zunehmender Erwärmung häufiger und heftiger werden. Die derzeitige Häufung von schadensreichen Extremereignissen wie Starkregen und tropischen Wirbelstürmen einerseits, aber auch Hitzewellen und Dürren andererseits zeigt, dass wir uns bereits in gefährliches Terrain bewegt haben. Nur eine rasche und schnelle Reduzierung der Treibhausgasemissionen global kann noch deutlich schlimmere Entwicklungen verhindern. Wenn wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Erwärmung über 1,5 Grad Celsius vermeiden wollen, ist die Menge an CO2, die wir noch ausstoßen können, sehr begrenzt.

Wie gut lassen sich die regionalen Wetter- und Klimaextreme analysieren?

Eine wichtige Erkenntnis der weiterentwickelten Klimamodelle ist, dass wir regionale Effekte immer besser verstehen und voraussagen können. Zwar lässt sich nicht jedes einzelne Ereignis eindeutig auf die Klimaerwärmung zurückführen. Dafür sind Wetterlagen zu komplex, und es hat auch früher immer wieder extreme Wetterereignisse gegeben. Aber wir können angeben, wie stark die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher Ereignisse durch den Einfluss des Menschen steigt. Außerdem haben wir einen interaktiven Klimaatlas erstellt, an dem jeder die regionalen Auswirkungen unterschiedlich starker Erwärmung einsehen kann. Die Klimaforschung hat hier in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht.

Die Infografik zeigt den Anstieg des Meeresspiegels abhängig von den CO2-Emissionen. Bis zum Jahr 2300 lässt sich damit ein Antieg zwischen 0,5 und knapp 7 Metern vorhersagen.

Anstieg des Meeresspiegels

Worin besteht dieser Fortschritt?

Ein bedeutender Fortschritt besteht darin, dass wir die Klimasensitivität – also die Erwärmung aufgrund eines Anstiegs der CO2-Konzentration – deutlich genauer angeben können. Bislang ging man davon aus, dass eine Verdopplung der CO2-Konzentration einen Anstieg in der global gemittelten Oberflächentemperatur zwischen 1,5 und 4,5 Grad Celsius bewirken dürfte. Der neue Bericht konnte die Unsicherheit nun einschränken auf 2,5 bis 4 Grad Celsius.

Wann könnte man mit positiven Effekten rechnen, wenn es gelingen würde, die Treibhausgasemissionen zu beschränken?

In der CO2-Konzentration würde man das in fünf bis zehn Jahren bemerken. Bei den Oberflächentemperaturen wäre ein positiver Effekt erst in etwa zwanzig Jahren zu erwarten. Wenn es also – wie in dem niedrigsten der im Bericht betrachteten fünf illustrativen Szenarien – gelingen würde, die CO2-Emissionen sofort zu senken und bis 2050 Netto-Null und danach negative CO2-Emissionen zu erreichen, so ist bis Ende dieses Jahrhunderts eine Stabilisierung der Temperaturen auf weniger als 1,5 Grad Celsius verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter zu erwarten. Im ungünstigsten Szenario einer Verdopplung der CO2-Emissionen bis 2050, gefolgt von einem weiteren Anstieg, sind hingegen eine Erwärmung von über vier Grad Celsius und dementsprechend dramatische Auswirkungen zu erwarten.

Welche langfristigen Entwicklungen sind sonst zu erwarten?

Viele Veränderungen aufgrund vergangener und künftiger Treibhausgasemissionen sind über Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar, insbesondere Veränderungen des Ozeans, von Eisschilden und des globalen Meeresspiegels. Umso wichtiger ist es, jetzt schnell zu handeln und die Treibhausgasemissionen sofort und umfassend weltweit zu verringern, damit all diese Entwicklungen nicht noch dramatischer ausfallen als ohnehin schon. Wir übernehmen jetzt die Verantwortung für viele Generationen.


Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/erde/jedes-zehntelgrad-weniger-erwaermung-hilft/