„Schlechte Trends bei den planetaren Belastungsgrenzen“
Dirk Eidemüller
Thaweesak Saengngoen/iStock
Welt der Physik: Jedes Jahr untersuchen Sie und Ihr Team die lebenswichtigen Funktionen des Erdsystems. Hat das auch etwas mit dem Klimawandel zu tun?
Boris Sakschewski: Eines der Hauptprobleme für das Erdsystem ist der Klimawandel, der natürlich auch selbst zu den überschrittenen Belastungsgrenzen zählt. Er sorgt für eine Bandbreite von Problemen von Wetterextremen bis zum Meeresspiegelanstieg. Hier sind menschengemachte Treibhausgasemissionen der größte Treiber. Als wäre das nicht genug, identifiziert das Konzept der planetaren Grenzen aber acht weitere Belastungsgrenzen. Jede für sich kann unseren Planeten destabilisieren.
Wie ist denn der aktuelle Stand?
Im Wesentlichen bestätigen sich die Aussagen, die wir schon in den letzten Jahren treffen mussten: Bei den meisten planetaren Belastungsgrenzen spitzt sich die Lage weiter zu. Dieses Jahr haben wir sieben von neun Grenzen überschritten, eine mehr als im Vorjahr. Bei dieser handelt es sich um die Ozeanversauerung, die jetzt ebenfalls den Bereich verlassen hat, der als sicher gilt. Die Ozeanversauerung wird auch durch CO2-Emissionen angetrieben. Insgesamt zeichnet der Bericht ein alarmierendes Bild.
Wie beeinflusst die Emission von CO2 die Ozeane?
Durch den steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre wird auch mehr CO2 im Ozeanwasser gelöst. Das führt primär zur Versauerung. Ganz vereinfacht gesprochen, gibt es mehr Kohlensäure im Wasser. Das wiederum sorgt dafür, dass bestimmte Lebewesen wie Muscheln oder manche Korallen ihre kalkhaltigen Schalen nicht mehr wie gewünscht ausbilden können, weil das saurere Wasser den Kalk angreift. Deshalb zählt die Ozeanversauerung zu den planetaren Belastungsgrenzen. Unterschiedliche Wassertemperaturen wirken sich auch auf die Versauerung aus. Denn kälteres Wasser kann mehr CO₂ aufnehmen und ist daher stärker von Versauerung betroffen. In wärmeren Regionen spielen dagegen höhere Temperaturen und weitere Stressfaktoren, wie etwa die marinen Hitzewellen, eine große Rolle. Die unterschiedlichen regionalen Bedingungen verstärken weltweit den Druck auf marine Ökosysteme.
Wird auch das Ausbleichen von Korallenriffen durch die Ozeanversauerung verursacht?
Die Korallenbleichen werden durch zu hohe Temperaturen hervorgerufen. Aber bei einem steigenden Säuregehalt geht dann vielerorts die Fähigkeit zur Regeneration verloren, weil sich dadurch Kalkskelette nicht richtig bilden können.
Was ist mit den weiteren Belastungsgrenzen?
Dort sehen wir stabil schlechte Trends: Die Veränderung der Landnutzung, des Süßwasserkreislaufs, der biogeochemischen Kreisläufe, sowie der Eintrag menschengemachter Substanzen und die Integrität der Biosphäre sind nicht mehr im sicheren Bereich. Diese Funktionen des Erdsystem hängen zusätzlich auch eng miteinander zusammen. So ist etwa das Verwenden von Pestiziden oder Düngemitteln mit dem Verlust von Biodiversität verknüpft. Und damit gehen auch wichtige Selbstheilungskräfte von Ökosystemen verloren, die wir eigentlich gerade bei den steigenden Temperaturen dringend brauchen. Insgesamt haben wir nur bei zwei Belastungsgrenzen positive Entwicklungen.
Worum handelt es sich bei diesen Funktionen genau?
Sowohl bei der Ozonschicht als auch bei der Belastung durch Aerosole, also der Luftverschmutzung, bleibt die Lage konstant beziehungsweise hat sich sogar leicht verbessert. Dazu muss man wissen, dass dies kein Zufallsergebnis ist, sondern das Ergebnis von internationalen Abkommen, die sich über die Jahre und Jahrzehnte sehr positiv ausgewirkt haben. Die Ozonschicht, die uns vor der UV-Strahlung der Sonne schützt, war durch die Fluorchlorkohlenwasserstoffe, etwa aus Kühlschränken, Klimaanlagen oder Spraydosen, teilweise schon stark zersetzt. Das Montreal-Abkommen hat das Verwenden dieser Stoffe streng geregelt, was inzwischen zum Schutz und Wiederaufbau der Ozonschicht geführt hat. Ähnlich sieht es mit internationalen Abkommen aus, die zum Beispiel den Einsatz stark aerosolproduzierender Treibstoffe im Schiffsverkehr regulieren.
Das sollte doch eine Lehre für künftige internationale Abkommen sein, die sich den weiteren planetaren Belastungsgrenzen widmen könnten?
Das wäre natürlich sehr wünschenswert. Aber der politische Prozess ist langsam und manchmal auch unverständlich. Denn es sollte doch unabhängig von der politischen Ausrichtung allen Beteiligten ein Anliegen sein, unseren Planeten so lebenswert wie möglich zu erhalten.
Was wäre jetzt aus Ihrer Sicht konkret zu tun?
Wir müssen alle besser werden, was den Schutz des Klimas und der Umwelt betrifft. Dabei dürfen wir nie vergessen, dass Klimaschutz gleichzeitig Umweltschutz ist und umgekehrt. Resiliente Ökosysteme können dem Klimawandel besser standhalten und ihn abmildern. Wir brauchen also weltweit einerseits eine schnelle und massive Reduzierung der Treibhausgasemissionen. Und andererseits müssen wir mit der Einrichtung und Pflege von Naturschutzgebieten – sowohl zu Land wie auf den Weltmeeren – vorankommen. Dabei ist es wichtig, die wechselseitigen Zusammenhänge im Blick zu behalten. So ist die Landwirtschaft global für viele problematische Entwicklungen verantwortlich – etwa durch den Verbrauch von Naturlandschaften oder den Eintrag von Düngemitteln in Gewässer. Hier können internationale Regulierungen und auch nationale Durchsetzung von vernünftigen Praktiken viel Positives bewirken.
Wenn Sie Videos von YouTube anschauen, werden Daten an YouTube in die USA übermittelt.
Weitere Informationen erhalten Sie auf unserer Datenschutzseite.
Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/erde/erde/erdsystem-schlechte-trends-bei-den-planetaren-belastungsgrenzen/


