Staubschleier statt nahende Explosion

Rainer Kayser

Mehrere Aufnahmen des Sterns Beteigeuze, auf denen ein sich verändernder dunkler Fleck sichtbar ist.

ESO/M. Montargès et al.

Das ungewöhnliche astronomische Phänomen war selbst mit bloßen Augen zu erkennen: Ab Oktober 2019 nahm die Helligkeit von Beteigeuze im Sternbild Orion für mehrere Wochen um bis zu zwei Drittel ab. Manche Astronomen sahen darin ein Indiz für eine baldige Explosion des Sterns als Supernova. Doch nun bestätigt ein internationales Forscherteam eine profanere Ursache für das Abdimmen des Riesensterns. Im Fachblatt „Nature“ berichten die Wissenschaftler, dass sich ein dichter Staubschleier vor Beteigeuze gebildet hatte – ausgelöst durch einen großen Materieauswurf auf der Oberfläche.

Mit einer Entfernung von nur 724 Lichtjahren ist Beteigeuze einer von wenigen Sternen, bei denen Astronomen mit großen Teleskopen sogar Einzelheiten auf der Oberfläche erkennen können. Das machten sich Miguel Montargès von der Sternwarte Paris und seine Kollegen zunutze und nahmen den Riesenstern mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte genau unter die Lupe. Die Beobachtungen zeigen, wie sich Ende 2019 auf der südlichen Hälfte von Beteigeuze ein kühler – und damit dunkler – Fleck ausbreitet. Um bis zu 500 Grad nahm die Temperatur der Sternoberfläche, die normalerweise bei etwa 4000 Grad Celsius liegt, ab. „Zum ersten Mal sehen wir, wie sich das Erscheinungsbild eines Sterns über einen Zeitraum von Wochen veränderte“, freut sich Montargès. Im April 2020 hatte der Stern wieder seine übliche Helligkeit erreicht.

Beteigeuze steht am Ende seiner Entwicklung: Der massereiche Stern hat sich erheblich aufgebläht und ist etwa 900-mal größer als unsere Sonne. In dieser Phase stoßen solche Sterne viel Gas aus ihrer Hülle in den Weltraum ab. Das Team um Montargès vermutet, dass der kühle Fleck durch einen großen Materieauswurf hervorgerufen wurde. Durch den Temperaturabfall auf der Oberfläche konnte dann ein Teil der ausgestoßenen Materie zu Staub kondensieren, der den Stern verdeckte. Diese Kombination aus einem ausgedehnten kühlen Fleck auf der Sternoberfläche und einem Staubschleier sei für das Verdunkeln von Beteigeuze verantwortlich, schreiben Montargès und seine Kollegen.

Ein Hinweis auf eine bevorstehende Explosion des Sterns war die Helligkeitsabnahme demnach nicht. Gleichwohl können die Forscher nicht ausschließen, dass der Stern in naher Zukunft und ohne Vorwarnung explodiert. Dafür sei über diese letzte Phase der Sternentwicklung zu wenig bekannt. Für Astronomen wäre es eine Sensation, eine Supernova in der Milchstraße zu beobachten – die letzte Gelegenheit dazu gab es im Jahr 1604, noch vor der Erfindung des Fernrohrs.


Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/news/2021/staubschleier-statt-nahende-explosion/