Marskrater Gale – doch kein großer See?

Rainer Kayser

Der Mars-Rover Curiosity in einer steinigen Umgebung auf dem Roten Planeten

NASA/JPL-Caltech/MSSS

Der 154 Kilometer große Krater Gale auf dem Mars war in der Frühzeit des Planeten, vor etwa 3,6 Milliarden Jahren, ein großer See mit möglicherweise lebensfreundlichen Bedingungen – so lautet das Fazit der meisten Marsforscher. Grundlegend hierfür sind Untersuchungen insbesondere des Rovers Curiosity der NASA. Doch ein Forschertrio der Universität Hongkong äußert jetzt Zweifel an dieser Interpretation der Messdaten: Der vermeintliche See sei eher ein flacher Tümpel gewesen, so die Wissenschaftler im Fachblatt „Science Advances“.

„Die meisten Ablagerungen im Gale-Krater sind anscheinend nicht durch einen früheren See entstanden“, erläutern Jiacheng Liu und seine Kollegen. Stattdessen handele es sich bei diesen Sedimenten vor allem um Ablagerungen durch Wind. Bislang waren chemische Veränderungen des Gesteins auf ein Gewässer zurückgeführt worden, doch sie ließen sich auch durch säurehaltige Niederschläge in der Atmosphäre des jungen Mars erklären, so die Forscher weiter.

Der Rover Curiosity ist seit seiner Landung im August 2012 im Gale-Krater unterwegs und hat seither über 25 Kilometer zurückgelegt. Inmitten dieses Kraters befindet sich ein Berg, der von Sedimenten umgeben ist, die sich über einen Zeitraum von fast vier Milliarden Jahren angesammelt haben. Mit zahlreichen Instrumenten ist der Marsrover in der Lage, diese Ablagerungen zu untersuchen, und so Einblicke in die geologische und klimatische Geschichte des Roten Planeten zu eröffnen. Eine wichtige Rolle spielen dabei insbesondere tonhaltige Sedimentschichten, die bislang unter Wissenschaftlern als Beleg für die frühere Existenz eines großen Sees gelten.

In ihrer Studie analysierten Liu und seine Kollegen die Daten von Curiosity erneut: Sie werteten die chemischen Zusammensetzungen der Sedimente aus und zeigen, dass eine alternative Interpretation möglich ist. Denn sie kommen zu dem Schluss, dass sich die meisten Sedimentschichten nicht durch eine wasserreiche Umgebung erklären lassen. Vielmehr erfordern sie, so Liu und seine Kollegen, Ablagerungen von vulkanischer Asche und atmosphärischem Staub durch Wind. Die Mineralien könnten also durch solche Einflüsse aus der Umgebung und säurehaltige Niederschläge entstanden sein.

Gesichert ist die These der Forscher allerdings noch nicht. „Wir wissen, welche Minerale gebildet wurden“, so Walter Goetz vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. Welchen Anteil dabei atmosphärische Verwitterung oder der Einfluss von Wasser hat, könne jedoch erst die Zukunft zeigen. „Unumstritten ist jedoch, dass es im Gale-Krater einen See gab. Die Frage ist nur, wie groß und wie tief dieser See war“, ergänzt Ernst Hauber vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin.

Dass der Mars nicht immer der trockene Wüstenplanet war, als der er sich heute präsentiert, zeigen die Spuren von Strömungen um Krater, Flussdurchbrüche durch Gebirgszüge, Mündungsdeltas, und Küstenlinien von ausgedehnten Seen. Offen bleibt die Frage, wie lange die Epochen mit feuchterem Klima jeweils andauerten und wie viel Wasser es an der Oberfläche gab – und damit auch, ob diese Phasen für die Entstehung einfacher Lebensformen ausgereicht haben.

Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/news/2021/marskrater-gale-doch-kein-grosser-see/