El Niño und La Niña lassen arktisches Eis schmelzen

Ein rascher Übergang zwischen zwei tropischen Klimaphänomenen lässt seit Jahren das Meereis nördlich von Sibirien stärker als bislang bekannt schmelzen.

Jan Oliver Löfken

Mehrere Eisschollen im Meer unter blauem Himmel

TT/iStock

Wenn sich das Klima verändert, wirkt sich das oft nicht nur vor Ort aus. Selbst weit entfernte Regionen können einander beeinflussen. So lassen etwa die Warmphasen in tropischen Gewässern des Pazifiks das Eis in der Arktis schmelzen. Wie sich nun zeigte, schmilzt das Meereis nördlich von Sibirien seit gut zwei Jahrzehnten umso stärker, je schneller das Klimaphänomen El Niño in sein Gegenstück La Niña übergeht. Dank dieses in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlichten Zusammenhangs lässt sich künftig besser vorhersagen, wann wie viel arktisches Meereis auftritt.

Das Klimaphänomen El Niño tritt etwa alle zwei bis sieben Jahre auf. Dabei steigt wärmeres Wasser aus den Tiefen des Pazifiks auf und erwärmt das Meer. Zudem verdunstet verstärkt Meerwasser. Auf einen stark ausgeprägten El Niño folgt häufig ein weiteres Phänomen: La Niña. Dabei kühlen die warmen Meeresoberflächen im östlichen und zentralen Pazifik in Äquatornähe deutlich ab. Besonders vor den Küsten von Peru und Ecuador steigt vermehrt kaltes Tiefenwasser auf.

Um zu analysieren, wie sich diese Phänomene auf das Meereis in der arktischen Region auswirken, hat das Team um Cen Wang von der Hong Kong University of Science and Technology Satellitendaten von 1980 bis 2022 analysiert. Dabei zeigte sich, dass El-Niño-Ereignisse im Winter das Herbsteis in der tausende Kilometer entfernten Arktis seit dem Jahr 2000 stärker als zuvor beeinflussen: Je stärker der winterliche El Niño, desto weniger Meereis im darauffolgenden Herbst.

Ein schneller Wechsel im Pazifik

Schuld daran ist laut dem Forschungsteam die sogenannte El Niño–Southern Oscillation, kurz ENSO – ein schneller Übergang zwischen El Niño im Winter und La Niña im darauffolgenden Sommer. Dadurch kühlt sich die Meeresoberfläche stark ab, sodass sich ein Hochdruckgebiet über dem westlichen Nordpazifik nach Norden verschiebt. Es löst wellenförmige Luftströmungen in der Atmosphäre aus, die sich nordostwärts ausbreiten. Über der Arktis bildet sich dann ein stabiles Hochdruckgebiet, das warme, feuchte Luft vom Nordpazifik in die Laptew- und Ostsibirische See nördlich von Sibirien transportiert. Dort erwärmt sich dann die Luft und lässt das Meereis schmelzen.

Wie der ENSO-Übergang das arktische Meereis beeinflusst, wurde laut dem Forschungsteam offenbar bislang unterschätzt. Nun könnten die Ergebnisse für die saisonale Vorhersage arktischer Meereisbedingungen wichtig werden. So ließe sich aus einem schnellen Übergang von El Niño zu La Niña im Pazifik auf eine starke arktische Meereisschmelze im darauffolgenden Herbst schließen.

Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/erde/nachrichten/2026/klima-el-nino-und-la-nina-lassen-arktisches-eis-schmelzen/