„Rezessionen, die aus dem Inneren des Systems heraus entstehen“
Sebastian Hollstein
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Welt der Physik: Herr Schöll, Sie haben sich in einer Studie mit der Ungleichverteilung von Eigentum beschäftigt – für einen Physiker eine erst einmal ungewöhnliche Themenwahl. Was bewegt Sie dazu, sich auf ein solches gesellschaftspolitisches Terrain zu begeben?
Eckehard Schöll: Ich beschäftige mich mit komplexen nichtlinearen Systemen, also Systemen, die aus vielen einzelnen Teilchen zusammengesetzt sind. Das Wesentliche sind dabei die Verbindungen und der Informationsaustausch zwischen den Teilchen. Da im Zusammenspiel der Teilchen neues Verhalten entsteht, ist das Gesamtsystem immer mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. Und dieses Verhalten spielt in vielen Gebieten eine wichtige Rolle. Beispielsweise besteht das Sonnenlicht, wie wir es auf der Erde sehen, aus vielen Lichtteilchen, die ungeordnet schwingen – den Photonen. Wenn man aber das kollektive Verhalten der Lichtteilchen ändert und sie im Gleichtakt schwingen lässt, dann entsteht Laserlicht, das ganz andere Eigenschaften als das Sonnenlicht aufweist. Und genauso ist es in der Gesellschaft: Hier gibt es Menschen und Haushalte, die wirtschaften und sich untereinander austauschen, und dabei entsteht ein komplexes sozioökonomisches System.
Was wollten Sie nun untersuchen?
Abstrakt formuliert wollten wir herausfinden, wann Synchronisation in einem komplexen System einsetzt und wann es Abweichungen gibt. Und konkret: Wann verhalten sich viele Akteurinnen und Akteure in einem sozioökonomischen System gleichzeitig ähnlich und wann entstehen unterschiedliche Verhaltensmuster? Dazu haben wir als Modell ein sehr heterogenes Wirtschaftssystem aus Haushalten mit unterschiedlicher Einkommensverteilung entwickelt, die sich anschaulich in drei große Gruppen unterteilen lassen: viele Geringverdienende, einige mit mittlerem Einkommen und wenige Besserverdienende. Wie im realen Leben geben sie Geld aus und sparen, wenn möglich, einen gewissen Bruchteil ihres Einkommens. Und die Agenten, wie wir die Bestandteile eines solchen Netzwerkes in der Fachsprache bezeichnen, beeinflussen sich in ihrem Verhalten gegenseitig.
Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Die Haushalte passen ihr Verhalten mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit an das der anderen Haushalte an, und zwar bevorzugt an die mit höherem Einkommen. Die wenigen Vermögenden haben einen enormen Einfluss: Wenn sie abrupt ihr Konsumverhalten – also beispielsweise ihre Sparrate – ändern, dann ziehen die vielen Sparer im Niederverdienersegment nach. Physikalisch ausgedrückt bedeutet das, dass ein mikroskopisches Verhalten zu einem makroskopischen Übergang im komplexen System führt. In der Makroökonomie kann ein solcher Prozess eine Rezession verursachen, eingeleitet von einer sehr kleinen Gruppe, die zum Beispiel nur 0,1 Prozent der Bevölkerung ausmacht.
Hat Sie das Ergebnis überrascht?
Ja. Generell wissen wir zwar, dass die Wirtschaft in Zyklen verläuft, mit Höhen und Tiefen. Bisher sind wir allerdings davon ausgegangen, dass Wirtschaftskrisen und Rezessionen vor allem durch äußere Einflüsse hervorgerufen werden, also zum Beispiel durch Kriege, gestörte Lieferketten oder Zölle. Unsere Studie zeigt nun aber, dass so ein Ereignis auch direkt aus dem Inneren eines sozioökonomischen Systems kommen kann. In einem solchen System haben manchmal kleine Änderungen eine große Wirkung, ähnlich wie in komplexen nichtlinearen Systemen in der Physik.
Im menschlichen Verhalten steckt jede Menge Zufall – warum lässt sich ausgerechnet mit solchen präzisen mathematisch-naturwissenschaftlichen Methoden ein so schwer fassbares Phänomen modellieren?
Betrachtet man die Verteilung von Wahrscheinlichkeiten, kann ich zwar nicht voraussagen, wie sich der einzelne Agent verhält. Aber ich kann berechnen, was alle Akteurinnen und Akteure zusammen im Mittel machen. Methoden dafür hat die statistische Physik bereits vor 150 Jahren hervorgebracht, um die Thermodynamik zu erklären. In der Thermodynamik geht es ebenfalls um große Systeme, die aus vielen Millionen und Milliarden Molekülen bestehen, die alle wild durcheinander schwirren. Und trotzdem können wir Aussagen darüber treffen, wie sich makroskopische Größen wie die Temperatur oder der Druck verhalten. Oder um ein anderes Beispiel aus dem Alltag aufzugreifen: Im Straßenverkehr verhalten sich jede Autofahrerin und jeder Autofahrer ein bisschen anders, es gibt also jede Menge zufälliger Abweichungen. Trotzdem lässt sich mit Methoden der statistischen Physik das Auftreten von Staus vorhersagen. So lässt sich auch das Verhalten von sozioökonomischen Systemen mithilfe von statistischen Modellen vorhersagen.
Wie betrachten Sie die politische Dimension Ihrer Arbeit?
Ich bin nicht zuständig für Gesetze und Richtlinien, aber ich kann beschreiben, was passiert. Wenn man die Einkommensunterschiede gering hält – also wenn man verhindert, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergeht –, dann kann man das Risiko für solche Rezessionen, die aus dem Inneren des Systems heraus entstehen können, minimieren. Es ist wichtig, dass wir unsere Forschung und solche Ergebnisse in die Öffentlichkeit tragen und diese in einer Sprache erklären, die viele Menschen verstehen.
Quelle: https://www.weltderphysik.de/gebiet/leben/statistische-physik-rezessionen-die-aus-dem-inneren-des-systems-heraus-entstehen/


