Hell leuchtende Sterne vor einem dunklen Hintergrund bilden mit etwas Fantasie einen Weihnachtsbaum.

NGC 2264 – der Weihnachtsbaumhaufen

Herr Funk, auch am Himmel gibt es einen Weihnachtsbaum, den sogenannten Weihnachtsbaumhaufen. Was ist das genau?

Der Weihnachtbaumhaufen ist eine Ansammlung von Sternen, 2600 Lichtjahre von uns entfernt.

2600 Lichtjahre klingt weit…

Auf den Skalen des Universums ist das nahezu ein Katzensprung! Das Licht des Weihnachtsbaumhaufens, so wie wir es heute mit unseren Teleskopen aufnehmen, war 2600 Jahre zu uns unterwegs. Es wurde etwa zur Blütezeit des babylonischen Reiches ausgesandt. Das entspricht einer Strecke von 25 Quadrillionen Kilometern – oder in wissenschaftlicher Notation 2,5 × 1016 Kilometer. Das ist wirklich unvorstellbar. Zum Vergleich: Das Licht der Sonne braucht nur acht Lichtminuten, bis es bei uns ist.

Wer hat dieses Licht denn zuerst gesehen?

Entdeckt wurden die Sterne schon 1785 vom deutsch-britischen Astronom Wilhelm Herschel. Sie liegen im Sternbild Einhorn, in der Region zwischen den beiden hellen Sternen Prokyon und Beteigeuze.

Sternhaufen vor einem Gasnebel. Die Anordnung der Sterne entspricht denen der Christbaumkugeln an einem einfachen Weihnachtsbaum
Weihnachtsbaumhaufen

Und woher kommt der Name?

In der Wissenschaft trägt der Weihnachtsbaumhaufen den profanen Namen NGC 2264. Das ist ein Katalogname, der seiner Schönheit überhaupt nicht gerecht wird. Weihnachtsbaumhaufen heißt er, weil es durch optische Teleskope so aussieht, als ob die Sterne und das Gas um sie herum glühen und dabei die Form eines Weihnachtsbaums bilden. Die jungen, hell leuchtenden, blauen Sterne hängen gleichsam als Christbaumkugeln außen am Weihnachtsbaum. Sieht man sich das Bild an, denkt man, der Baum steht auf dem Kopf.

Sie sagen: Junge Sterne. Was heißt das?

Der Weihnachtsbaumhaufen ist ein sogenannter offener Sternenhaufen – eine Ansammlung von Sternen, die alle in einem ähnlichen Stadium ihres Lebenszyklus sind, entstanden aus derselben Riesenmolekülwolke. Sie sind alle sehr jung, also nur wenige Millionen Jahre alt – etwa so alt wie unsere ersten menschlichen Vorfahren. Der hellste Stern des Haufens, S Mon, ist einer der heißesten und schwersten Sterne unsere Galaxie, mindestens 10 000-mal heller und sechzigmal schwerer und als unsere Sonne. S Mon wird eines Tages als Supernova ein spektakuläres Ende nehmen.

Der Weihnachtsbaumhaufen ist also noch für Überraschungen gut.

Ja, offene Sternenhaufen sind besonders faszinierend, weil sie uns einen Einblick in die Sternenentstehung erlauben. Was wir hier sehen, sind Sterne in ihrer „Kinderstube“. Der Weihnachtsbaumhaufen ist etwas ganz Besonderes: In ihm entstehen gerade einige der jüngsten und massereichsten Sterne unserer Galaxie. Diese Regionen der Sternenentstehung sind sehr energiereich. Es gibt dort extreme stellare Prozesse, wie zum Beispiel extreme Winde von Sternen oder häufige Supernovaexplosionen.

Mann vor einer mit Formeln beschriebenen Tafel.
Stefan Funk

Und wie kann man das alles beobachten?

Bei klarem Himmel kann man den Weihnachtsbaumhaufen schon mit einem einfachen Fernglas sehen, den hellen blauen Stern am oberen Bildrand sogar mit dem bloßen Auge. Eingebettet ist der Sternenhaufen in einen Nebel von glühendem Wasserstoffgas, das in der uns vorliegenden Aufnahme als roter diffuser Nebel zu erkennen ist. Das Gas wird vom intensiven ultravioletten Licht der heißen, jungen Sterne angestrahlt. Zwischen dem glühenden Gas und uns liegen aber manchmal dunkle Staubwolken. Das Licht wird dann abgeblockt und es kommt zu interessanten Formen – wie eben auf diesem Foto des Weihnachtsbaumhaufens.

Die Aufnahme stammt von einem Teleskop der Europäischen Südsternwarte.

Ja, sie wurde mit dem Wide Field Imager am La-Silla-Observatorium der ESO gemacht. Die ESO ist ein europäisches Forschungsinstitut, das Teleskope an drei Standorten in Chile betreibt. Das Hauptquartier ist in Garching bei München. Die ESO ist eine der größten Forschungsstätten der Astrophysik und produziert immer wieder spektakuläre Resultate, die uns tiefere Einblicke in unser Universum erlauben. Unter anderem wurden an den ESO-Teleskopen Beweise für die Existenz eines Schwarzen Loches im Zentrum der Milchstraße gefunden.

Was sind denn die wichtigesten Fragen der astrophysikalischen Grundlagenforschung?

Wir wollen Rückschlüsse ziehen auf die Entstehung, Entwicklung und die Zukunft unseres Universums. Die riesigen Entfernungen, die Frage nach dem Urknall oder der Gedanke, ob es im Universum noch anderes Leben geben könnte – das alles fasziniert viele. Ich merke das immer wieder, wenn ich Vorträge halte: Von den Kleinsten bis hin zur Generation meiner Eltern sind die Menschen in den Bann gezogen von den Bildern und den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die wir über das Universum mit Teleskopen wie denen der ESO erhalten. Wer den Nachthimmel einmal durch ein solches Teleskop betrachtet hat, wird seine Schönheit wahrscheinlich nie mehr vergessen!