Modulfahrzeug gegen Verkehrskollaps in Städten

Privatauto, Müllwagen, Taxi und Transporter - Mit vier Modulen wandelt sich ein einziges Fahrzeug zum Multitalent

Simulation der vier Fahrzeugmodule
Simulation der vier Fahrzeugmodule

Ljubljana (Slowenien)/Rom (Italien) - Auf Roms Straßen wimmelt es nur so von Smarts, Fiat Cinquecentos oder Peugeots 107. Trotz der Vorliebe für Kleinwagen erstickt die Stadt im Verkehr, Parkplätze sind fast begehrter als eine Papstaudienz. "Auf jeden Einwohner kommt im Durchschnitt ein Fahrzeug", kennt Adriano Alessandrini von der römischen Universität "La Sapienza" den Grund für den täglichen Verkehrskollaps. Genau an diesem Punkt setzt der Verkehrsforscher mit seinen Kollegen an und erfindet das Prinzip des Car-Sharings völlig neu.

"Die Autos stehen heute zu 95 Prozent der Zeit ungenutzt auf dem Parkplatz", sagte Allessandrini letzte Woche auf der europäischen Verkehrskonferenz "TRA 2008" in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana. Und durchschnittlich sitzen nur 1,3 Personen im Wagen. Eine vielfach bessere Auslastung wollen die Wissenschaftler nun mit einer Fahrzeugplattform erzielen, die mit vier Modulen allen Bedürfnissen des innerstädtischen Verkehrs gerecht werden soll. Binnen weniger Minuten kann das im Rahmen des HOST-Projekts -- Human Oriented Sustainable Transport -- entwickelte Auto vom Taxi zum Transporter oder Müllwagen mutieren.

Tagsüber kann die Basis mit vier über einzelne Elektromotoren angetriebene Rädern eine Personenkabine tragen und für ein klassisches Car-Sharing eingesetzt werden. In den frühen Abendstunden werden mehr Taxis benötigt und mit einer zusätzlichen dritten Achse wandelt sich das Mobil zum Sechssitzer. Bricht die Nacht herein, können Sitze gegen eine große Wanne getauscht werden und den Müll der Stadt einsammeln. Frische Waren müssen am frühen Morgen zu den Geschäften gelangen: Zeit für den Umbau zum wendigen Kleintransporter mit einem potenziell kühlbaren Container.

Herausragend ist dabei die Wendigkeit des HOST-Vehikels. Nicht nur die beiden Fronträder, sondern alle sechs können einzeln gelenkt werden. So lässt sich das Fahrzeug sogar durch die engsten Altstadtgassen steuern. Parklücken können ideal ausgenutzt werden, das die um bis 90 Grad drehbaren Räder ein seitliches Manövrieren ermöglichen.

Einfach vom Himmel fiel dieses Konzept allerdings nicht. Die Forscher analysierten die Mobilitätsanforderungen in drei europäischen Städten: Rom, Stockholm und Oeiras in Portugal. Erst danach machten sie sich an die Entwicklung eines geeigneten Modul-Fahrzeugs. "Der erste Prototyp kostete uns rund 2,5 Mio Euro, aber für jeden Umbau brauchen wir weniger als fünf Minuten", sagt Allessandrini. Für das Design zeichnet die Turiner Autoschmiede Bertone verantwortlich, die bisher eher für das Styling von rassigen italienischen Sportwagen berühmt ist. Für die Antriebseinheit im Fahrzeugboden aus benzingetriebenen Stromgenerator, Elektromotoren und Speicherakkus arbeiten die Ingenieure mit dem schwedischen Autobauer Volvo zusammen. "In Zukunft wollen wir auch Brennstoffzellen als Stromlieferant mit einplanen", sagt Allessandrini. Bisher hätte diese konsequente Erweiterung zu einem emissionsfreien Fahren das von der Europäische Kommission bereitgestellte Budget von 3,2 Mio Euro gesprengt.

In den kommenden Monaten wird der Prototyp auf Herz und Nieren getestet. Abgasanalysen stehen dabei genauso auf dem Programm wie das Fahrverhalten, die Stabilität und die Langlebigkeit aller Komponenten. Schon heute kann Allessandrini absehen, dass sein Modulauto trotz Serienproduktion nicht ganz billig werden wird. "Auch wenn es doppelt so teuer wie ein Mittelklassewagen sein sollte, kann es vier Fahrzeuge ersetzen und so die Anschaffungskosten halbieren."

Allein, für einen Erfolg des HOST-Vehikels braucht es mehr als eine ausgereifte Technik. Heutige Stadtbewohner müssten sich vom Gedanken, ein eigenes Auto zu besitzen, verabschieden. Der bisher bescheidene Zuspruch zum Car-Sharing könnte in die richtige Richtung weisen. Allessandrini kann sich vorstellen, dass die Stadtverwaltungen oder die Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs ganze Flotten und die notwendigen Stellplätze und Umbaustationen gegen Nutzungsgebühren zur Verfügung stellt.