Der „Große Frost“ kam schneller als gedacht

Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass eine Unterbrechung des Nordatlantikstroms die nördliche Hemisphäre in wenigen Monaten in eine Mini-Eiszeit zwingen kann. Frühere Arbeiten deuteten darauf hin das dieser Vorgang Jahrzehnte dauern würde.

Eisberg und Gletscher nahe Kulusuk, Grönland.
Eisberg und Gletscher nahe Kulusuk, Grönland.

Rovaniemi (Finnland) - Vor etwa 12.800 Jahren brach über die Nördliche Hemisphäre eine Mini-Eiszeit herein, die von Wissenschaftlern "jüngere Dryas", scherzhaft aber auch manchmal „der Große Frost“ genannt wird, und die etwa 1300 Jahre anhielt. Geologische Indizien zeigen, dass der Große Frost durch das plötzliche Einströmen von Süßwasser verursacht wurde. Diese Wasser stammte aus dem Agassizsee, einem riesigen Gletscherrandsee, der größer war als die heutigen Großen Seen im Mittleren Westen zusammen. Er überflutete seine Ufer, ergoss sich in den Nordatlantik und das Arktische Meer, und verdünnte so den Nordatlantikstrom, was jenen zum Erliegen brachte. Ohne den wärmenden Einfluss dieses ozeanischen Kreislaufs stürzten die Temperaturen auf der Nördlichen Halbkugel, Eisschilde breiteten sich aus und die menschliche Zivilisation zerfiel.

Frühere Untersuchungen von Eisbohrkernen aus Grönland darauf hin, dass sich dieser plötzliche Klimawandel in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren vollzog. Jetzt zeigen neue Daten, dass die Veränderung verblüffend schnell vor sich ging, nämlich wahrscheinlich innerhalb einiger Monate, längstens aber innerhalb von ein oder zwei Jahren.

Eine Forschergruppe um William Patterson von der University of Saskatchewan in Kanada hat mithilfe eines Schlammbohrkerns aus dem urzeitlichen See Lough Monreach in Irland die zeitlich höchstaufgelöste Dokumentation des Großen Frostes darstellen können. Sie benutzten ein Skalpell, um von dem Bohrkern 0,5 Millimeter dünne Schichten abzuschneiden, die jeweils einen Zeitraum von drei Monaten repräsentieren.

Isotope von Kohlenstoff und Sauerstoff in den Schichten können dazu benutzt werden, die Aktivität des Sees bzw. Temperatur und Regenfälle zu rekonstruieren. Die neuen Daten zeigen, dass zu Beginn des Großen Frostes, innerhalb höchstens weniger Jahre die Temperaturen fielen und der See seine Aktivität einbüßte. Diese Ergebnisse stellte Patterson bei einer Konferenz der Europäischen Wissenschaftsstiftung über Menschen in der Antarktis in Rovaniemi (Finnland) vor. Derweil zeigen die Isotop-Bestimmungen vom Ende des Großen Frostes, dass es etwa zweihundert Jahre dauerte bis der See und das Klima sich wieder erholt hatten, ganz im Gegensatz zu den bisher auf Basis von Eiskernuntersuchungen abgeleiteten zehn Jahre. „Das leuchtet ein, denn es braucht Zeit bis die Zirkulation des Meeres und der Atmosphäre wieder anspringt“, erklärt Patterson.

Auf die Zukunft bezogen gibt es laut Patterson keinen Grund warum nicht noch einmal ein Großer Frost auftreten sollte: „Wenn der Eisschild auf Grönland plötzlich schmelzen würde hätte das katastrophale Folgen.“ Diese Aussage hat angesichts der Kopenhagener Klimakonferenz in der kommenden Woche besondere Brisanz.