Der Gesang der Erde

Tiefes Brummen hat seinen Ursprung vor allem an der Pazifikküste Nordamerikas

La Jolla (USA) - Permanent treiben meterhohe Wellen über die Ozeane. Treffen die Wassermassen auf die Küsten der Kontinente, setzen sie den Erdball in Schwingungen und es entsteht ein tieffrequentes, für das menschliche Ohr nicht hörbares Brummen. Die wichtigste Quelle für diese Töne zwischen einem Hundertstel und zehn Hertz konnten nun amerikanische Geowissenschaftler mit einem Netzwerk aus empfindlichen Mikrofonen ausmachen. Wie sie in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" berichten, hat das Brummen vor allem an der Pazifikküste von Nordamerika seinen Ursprung.

"Weil sich Stürme generell von West nach Ost bewegen, wächst die langperiodische Schwellenergie entlang den Ostküsten der Ozeanbecken an", sagt Peter D. Bromirski, Ozeanograph an der University of California, San Diego. Zusammen mit seinem Kollegen Peter Gerstoft analysierte er das sonore Brummen der Erde, das mit einem weiten Netzwerk aus Infraschallsensoren aufgezeichnet werden konnte. Lange Ozeanwellen mit Perioden zwischen 120 und 400 Sekunden übertragen ihre Energie auf den festen Erdkörper sobald sie flachere Küstengewässer erreichen. Über nicht-lineare Prozesse entstehen Infragravitationswellen mit noch größeren Wellenlängen. Ein Teil ihrer Energie koppelt vom Wasser in die festen Gesteine ein und der global nachweisbare "Gesang der Erde" im Infraschall-Bereich erklingt.

Die zweitstärkste Quelle für dieses Erdbrummen entdeckten Bromirski und Gerstoft an den Westküsten Europas. Hier trifft der langperiodische Schwell des Atlantiks auf festes Erdmaterial. Die etwas schwächere Ausprägung dieses Phänomens könnte mit der geringeren Ost-West-Ausdehnung des Atlantiks im Vergleich zum Pazifik erklärt werden.

Seit über zehn Jahren wird das Erdbrummen von Geowissenschaftlern genauer untersucht. Nach vielen widersprüchlichen Theorien gilt mittlerweile der Ursprung in langen Ozeanwellen, die auf die Küste treffen, als gesichert. Während der Wintermonate auf der Nordhalbkugel ist das Brummen besonders stark ausgeprägt, da im Nordpazifik schwere Stürme toben. Während der Sommermonate nimmt dagegen der Brummton zu, wenn im Südatlantik und im südlichen Indischen Ozean das Wetter außergewöhnlich schlecht und der Seegang besonders hoch ist.

Mit einem immer feiner werdenden Netzwerk aus hochempfindlichen Seismometern und über Satelliten-Beobachtungen der Meereswellen könnte - laut einem Vorschlag von Sharon Kedar und Frank H. Webb vom Jet Propulsion Laboratory im kalifornischen Pasadena - das Brummen auch wissenschaftlich genutzt werden. Sie wollen mit diesem im Fachslang als "ozeanische Mikroseismik" bezeichneten Naturphänomen Stürme lokalisieren und bei ihrer Wanderung verfolgen. Selbst die Bedingungen für El Nino-Strömungen im Pazifik sollen sich über das aufgefangene Brummen analysieren lassen. Und sogar die Erdkruste bis in eine Tiefe von 20 Kilometern könnte in ihrem Aufbau über die Auswertung des Brummtons genauer untersucht werden.