Gletscherschwund: Gemälde als Klimaarchiv

Historische Werke ermöglichen Rekonstruktion der Alpengletscher bis ins 16. Jahrhundert

Mer de Glace
Mer de Glace

Bern (Schweiz) - Fotos aus dem letzten Jahrhundert demonstrierten bereits eindrucksvoll den Rückgang der Alpengletscher. Noch weiter zurück schauten nun schweizerische Glaziologen. Mit historischen Gemälden und Skizzen rekonstruierten sie die Ausdehnungen des berühmten Mer de Glace-Geltschers im französischen Chamonix bis ins Jahr 1570 zurück. Wie die Forscher in der "Zeitschrift für Gletscherkunde und Glazialgeologie" berichten, konnten sie so Erkenntnisse zu den klimatischen Veränderungen in der Kleinen Eiszeit während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewinnen, zu der noch keine gesicherten wissenschaftlichen Messdaten vorliegen.

"Gletscher-Fluktuationen sind empfindliche Indikatoren für Klimaschwankungen", schreiben Daniel Steiner von der Pädagogischen Hochschule Zürich und seine Kollegen von der Universität Bern. Allerdings sind Daten vor Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnung im 19. Jahrhundert nur schwer zu bekommen. Aber berühmte und leicht zugängliche Eiszungen wie das Mer de Glace oder der Grindwaldgletscher inspirierte Künstler schon seit Jahrhunderten zu Gemälden, Zeichnungen und Skizzen. Nach aufwändiger Bildrecherche fanden die Gletscherforscher aussagekräftige Werke zum Teil auch berühmter Künstler wie John Ruskin und William Turner. Besonders nützliche Hinweise entdeckten sie in Zeichnungen und Bilder von Jean-Antoine Linck und Samuel Birmann, Fotografien der Brüder Bisson sowie Karten von James David Forbes und Eugène Viollet-le-Duc.

Durch die Analyse von über 150 Aufzeichnungen konnten die Geografen nachweisen, dass die Alpengletscher öfters während der letzten 400 Jahre wuchsen und schrumpften. So erstreckt sie das Mer de Glace heute über eine Länge von zwölf Kilometern. Die maximale Ausdehnung erreichte er 1644. Bei diesem Vormarsch zerstörte der Gletscher die Weiler Châtelard und Bonanay. Andere Höchstwerte wurden 1600, 1720, 1778, 1821 und 1852 registriert. Seither zieht sich das Mer de Glace mehr oder weniger kontinuierlich zurück. Das Eismeer ist heute vom Tal aus nicht mehr zu sehen – innerhalb der letzten 150 Jahren ist es um zwei Kilometer geschrumpft.

Diese Schwankungen liefern wertvolle Orientierungspunkte für die Bestimmung des Klimas in der Vergangenheit und weitere Daten für eine Einschätzung der Folgen des bevorstehenden Klimawandels. Nachdem sich der historische Ansatz bei zwei Gletschern bewährt hat, will das Berner Forschungsteam seine Arbeiten nun auf weitere Eismassen in den Alpen und Skandinavien ausdehnen.