Auftakt gegen starkes Russland

Thailand mag Schüler mit Stärken in Physik. Nicht anders lässt sich erklären, dass in der Stadt Nakhon Ratchasima ganze Straßen von Flaggen zum 28. International Young Physicists' Tournament, dem kurz IYPT genannten Physik-Weltcup, gesäumt sind. Bei über 30 Grad feuchter Schwüle haben Teams aus 27 Staaten von allen Kontinenten bis spät in die Nacht den Weg nach Khorat, wie die Stadt kürzer genannt wird, gefunden. Ausschlafen und am Pool liegen ist hier jedoch nicht angesagt, so verlockend es auch sein mag. Denn schon früh am Morgen begann der Wettbewerb im großen Hörsaal der Suranaree University of Technology.

Drei Tänzerinnen stehen in der Hocke mit nach innen gewölbten Händen und nach außen gestreckten Ellenbogen. Sie tragen bunte, verzierte Kleidung.
Kulturprogramm der IYPT

Uni-Rektor, Professoren und der Vizegouverneur der Region, Boonyean Khamhong, ließen es sich nicht nehmen, in einer schillernden Zeremonie die Jungphysiker zu begrüßen. „In nur 30 Jahren hat sich der IYPT zu einem wahrhaft globalen Wettbewerb entwickelt“, sagt der russische Schöpfer des Weltcups, Evgeny Yunosov. Interessiert verfolgten Teilnehmer und zahlreiche Schüler aus Thailand die traditionellen Tänze und Tipps erfahrener Physiker für das vielleicht kommende Forscherleben: Fleiß und Neugier seien unbedingt nötig. Aber auch eine gehörige Portion Glück, um jetzt und in Zukunft bahnbrechende Entdeckungen zu machen.

Weniger die Zukunft erkunden, mehr das Jetzt und die kommenden Gegner erfahren, wollte das deutsche Team – Sina Hartung (18) aus Ulm, Carina Kanitz (17) aus Erlangen, Jonas Landgraf (17) aus Weiden, Ann-Kathrin Raab (17) aus Rosenheim und Dominika Stronczek (17) aus Hamburg. Parallel zur Flaggenparade schauten sie und all ihre Mitstreiter aus Iran, China, der Ukraine oder Kenia der Auslosung für die insgesamt fünf Wettkampfrunden entgegen. Russland und Thailand waren die ersten Gegner. „Ausgerechnet Russland, die waren vergangenes Jahr knapp besser als wir“, erinnert sich Jonas Landgraf, der für Khorat zum zweiten Mal einen Platz in der Physik-Nationalmannschaft gesichert hat. „Und sie haben uns damals in England die Weinflaschen geklaut“, fügt er hinzu.

Erster Wettkampf gegen Thailand und Russland

Gleich in der ersten Runde des Wettkampfs werden sich Russen und Deutsche schnell einig. „Wet and dark“ – „Nass und dunkel“ hieß das Thema. Für die Russen trug Pavel Ianko vor, warum nasse Kleidung dunkler erscheint als trockene. Nur zwölf Minuten hatte er, um den Einfluss von Wasser und anderen Flüssigkeiten auf Baumwollfasern zu erklären. Die Erklärung reichte tief in die Reflexion und das Verschlucken von Lichtwellen in den Fasern. Mit seinem Team führte er sogar Experimente durch, die klärten, warum raue Flächen nass durchsichtiger sind als trocken. Zielführend erläuterte er die Theorie, zeigte erklärende Grafiken und erhaschte sogar zustimmendes Nicken bei einzelnen Mitgliedern der Jury.

Fünf junge Personen sitzen an einem Tisch in einem Seminarraum. Auf dem Tisch ein Schild, auf dem „Opponent“ steht, und eine Deutschlandfahne.
Deutsches Team beim ersten Wettkampf

Doch Carina Kanitz war der auf den ersten Blick schlüssige Vortrag nicht genug. Mit Sachkenntnis und feinem Gespür offenbarte sie die Schwachstellen in Pavels Präsentation. Fragte, warum er nicht verschiedene Stoffe außer denen aus Baumwolle untersucht hätte. Und warum er den wichtigen Faktor des durch einen Stoff scheinenden Lichts nicht beachtet hätte. Pavel, sichtlich verunsichert, fiel Carina mehr als einmal ins Wort, wollte sie mit seiner kräftigeren Stimme übertönen. Doch Carina blieb souverän und gelassen. „Das war nicht so schwer“, sagt sie, „denn ich habe gesehen, dass Pavel das Problem nicht völlig verstanden hatte.“ Mit diesem Wissen hat sie die Diskussion beherrscht, ließ sich nicht provozieren und überzeugte letztlich auch die Jury. Das Ergebnis: Russland 4,4 Punkte, Deutschland 6,6. Das Team aus Thailand gab Carina sogar zusätzliche Unterstützung. Als Begutachter der Fachdebatte erzielten sie im Durchschnitt 5,1 Punkte.

Formeln zur gezwirbelten Angelschnur

Im zweiten Durchlauf tauschten die Teams ihre Rollen einmal durch. Nun lag es an Jonas Landgraf, die Physik hinter einem „künstlichen Muskel“ aus einer Angelschnur aus Kunststoff zu erläutern. Mit Theorien aus aktueller Fachliteratur erfasste er das Thema. Der Schüler aus Weiden erklärte ein Experiment, bei dem er die Angelschnur aufzwirbelte und mit heißer Luft in der Spiralstruktur fixierte. Mit seinen Formeln und Versuchen konnte er zeigen, warum sich die in einer Spirale verdrehte Schnur bei Hitze zusammen zieht. Allein konnten er damit nicht alle – weder die Kritiker des Teams Thailands noch einzelne Jurymitglieder überzeugen. „Offenbar habe ich das Thema zu komplex und umfassend erklärt“, sagt er. Dennoch sicherte Jonas dem deutschen Team 5,4 Punkte im Durchschnitt. Die Thailänder erlangten fünf und die die Diskussion bewertenden Russen 6,9 Punkte.