Achterbahn-Fahrt auf der Punkteskala

War's das Obst oder doch der Salat? Die Suche nach den Ursachen ihres Unwohlseins war drei Mitgliedern des deutschen Teams am Montagmorgen völlig egal. Sie waren alles andere als fit, Bettruhe und Auskurieren schienen angesagt. Entsprechend schwankte die Stimmung auf dem Weg zum zweiten Physik-Weltcuptag zwischen Aufregung und Zweifel. Ohne die beiden Betreuer Michael Steck und Florian Ostermaier und vor allem ohne das Teammitglied Ann-Kathrin Raab ging es zur Uni. Am Vormittag stand die zweite Runde gegen einen der Favoriten, Singapur, und gegen Österreich auf dem Programm.

Frau mit Mundschutz hält einem Jungen ein Messgerät an die Stirn.
Gesundheitscheck für Besucher des Physik-Worldcups

Kurz vor Beginn stieß Ann-Kathrin doch noch dazu. Ein Einsatz, für den das gesamte Team im Laufe des Tages noch dankbar sein sollte. So ermutigt absolvierte die Hamburgerin Dominika Stronczek erfolgreich den Wettkampf gegen Singapur und Österreich. Die Österreicher präsentierten ihre Experimente zu einem dünnen Film aus Seifenlauge, der in einem elektrischen Feld in Drehung versetzt werden kann. Der Vortrag hatte durchaus Schwächen, die dem Kritiker-Team Singapur auffielen. Dominika legte schließlich die Wissenslücken beider Gegner offen und erhielt die höchste Bewertung der Jury mit 6,83 Punkten, Singapur schaffte noch gute 6,3 und Österreich immerhin noch durchschnittlich 6 Punkte. „Nach diesem Auftakt war ich schon sehr optimistisch und blieb es auch den ganzen Tag“, sagt Dominika.

Im zweiten Teil dieser Wettkampfrunde lag es nun an Carina Kanitz, diesen Lauf als Kritikerin gegen den Favoriten Singapur fortzusetzen. Unmöglich war es nicht, denn Singapur erschlug Jury und Zuhörer mit ganzen 74 Folien. In zwölf Minuten wurde in Ansätzen erklärt, warum eine Flasche im Sonnenlicht als Brennglas fungieren kann. Den vielen Simulationen und idealisierten Versuchsreihen hielt Carina stand. „Die wichtigen Inhalte blieben bei dieser Präsentation trotz der Masse einfach auf der Strecke“, sagt die Deutsche. Diesem Kritikpunkt folgten auch Teile der Jury. Mit 6,7 Punkten etwa gleichauf mit Singapur setzte Carina das Kopf an Kopf Rennen fort.

Schwierig wurde es dann im dritten Teil. Es galt, den fast schon antiken Halbleitereffekt eines Kristalls, entdeckt Anfang des 20. Jahrhunderts, zu erläutern. Damit fanden die Herausforderer aus Österreich eine Lücke im Repertoire des deutschen Teams. Allein Sina Hartung war mit diesem Phänomen vertraut und präsentierte. Trotz ihres klaren und stringenten Vortrags konnte sie die Jury nicht vollends überzeugen, was vielleicht auch an den hartnäckigen Nachfragen von den Wettkämpfern aus Österreich und Singapur lag. Magere 4,7 Punkte waren das Ergebnis. So zogen Singapur und Österreich in der Gesamtwertung dieser Runde am deutschen Team vorbei. Im Gesamtklassement rutschten die Deutschen von Rang 7 auf Rang 12 ab.

Gedeckter Tisch mit verschiedenen Schüsseln und Schalen, die voll von thailändischem Essen sind.
Landestypisches Essen auf der IYPT

„Nun mussten wir schauen, dass das Team zusammenhält“, sagt Sina in ihrer Funktion als Kapitänin. Gleich nach dem Mittagessen – natürlich auf Thailändische Art – sollten die Gegner der dritten Wettkampfrunde, USA und Korea, merken, was das bedeuten kann. Jonas Landgraf stieg als Erster in den Ring um physikalische Phänomene. „Heute habe ich mich sogar noch besser gefühlt als gestern“, sagt Jonas. Weniger nervös als vorher zeigte er sich während des Vortrags durchaus sicher. Sein Thema: Singendes Gras – Wie sich beim Blasen auf einen straff gehaltenen Grashalm hohe Töne erzeugen lassen. Grundlagen, Experiment und Analyse beherrschte Jonas gut. Er konnte fast alle Fragen der gegnerischen Teams parieren. Die Bewertung eines Jurors zog seinen Schnitt jedoch nach unten: 5,7 Punkte. Zu wenig, um an USA (7,3) und Korea (6,8) vorbeizuziehen. Jonas zuckte bei dieser Wertung nur mit den Schultern.

Nach gleich zwei Präsentationen mit Wertungen unter den Erwartungen wirkte das Team deprimiert. Die Chance auf den Titel schien in weite Ferne zu rücken. Doch das Blatt wendete sich schneller als gedacht. Ann-Kathrin, die sich morgens noch mühsam in die Wettkampfarena geschleppt hatte, avancierte zum Star des Teams. Zuerst setzte sie in ihrer Rolle als Reviewerin die Koreaner nach ihrem Vortrag über die möglichst dichte Anordnung von Kugeln in einer Kiste unter Druck. Souverän fand sie mehr Kritikpunkte als die eigentlich als Opposition agierenden US-Amerikaner. Das Resultat: Mit 6,7 Punkten knapp unter Korea (6,8), aber noch vor den USA (6,2).

Für das Team kam diese geglückte Aufholjagd wie gerufen. „Nach meinem ersten Wettkampf habe ich die Entlastung in der ganzen Gruppe gespürt“, sagt Ann-Kathrin. Und dieser neu entflammte Teamgeist, gekoppelt mit Fachkenntnis und Hartnäckigkeit von Ann-Kathrin sollte belohnt werden. Der US-amerikanerische Schüler, der die kreisförmige Reflektion eines Laserstrahls an einem einfachen Draht erklären sollte, war fast zu bedauern. „Er hatte einfach nichts gezeigt, worüber sich ernsthaft diskutieren ließe“, sagt Ann-Kathrin über ihren Gegner. Grundlagen zum Phänomen hätten gefehlt. Das sah die Jury ähnlich. Mit 6,3 Punkten überflügelte Ann-Kathrin das US-Team (3,8) deutlich. Allerdings nicht so deutlich wie die koreanische Mannschaft, die sich 6,7 Punkte in der Runde sicherte.

Nicht nur Ann-Kathrin war nach diesem Erfolg ein anderer Mensch als noch am Morgen. Das ganze Team lebte auf, lachte, diskutierte noch lebhaft mit Juroren und freute sich auf das Abendessen. Denn nach dieser Runde kletterte ihr Team auf der Punkteskala wieder nach oben und erreichte Platz 10. Auch Betreuer Michael Steck, der trotz akutem Unwohlseins tagsüber immer wieder reinschaute, war beim Abendessen dabei. Allerdings erst mal nur mit trockenem Reis. Zurück im Hotel war auch der zweite Gebeutelte, Florian, wieder halbwegs auf dem Damm. So kann das Team am Dienstag gestärkt, komplett und ein gutes Stück erfahrener in die vierte von fünf Vorrunden starten.