Komet ISON zieht am Mars vorbei

Der als „Jahrhundertkomet“ angekündigte Komet ISON fliegt am 1. Oktober in einem Abstand von 10,9 Millionen Kilometern am Planeten Mars vorüber. Das entspricht etwa einem Fünfzehntel der Entfernung Erde-Sonne. Damit bietet sich eine einmalige Gelegenheit für Forscher: Sie versuchen, den Kometen mit den Teleskopen und Kameras der Sonden und Rover zu beobachten, die in der Umlaufbahn und auf der Oberfläche unseres Nachbarplaneten aktiv sind. Die so gewonnenen Daten könnten Aufschluss über die Größe des Kometenkerns geben und so genauere Prognosen für die Sichtbarkeit des Schweifsterns von der Erde aus ermöglichen.

Ein Komet mit Schweif fliegt über eine dünenübersäte Planetenoberfläche und wird von einer Raumsonde beobachtet.
Komet ISON beim Mars

„Wenn der Kern von ISON größer ist als ein halber Kilometer, dann hat er gute Aussichten, seinen nahen Vorübergang an der Sonne am 28. November zu überstehen“, erläutert Astronom Carey Lisse von der Johns Hopkins University in den USA. „Dann könnte er tatsächlich zu einem der spektakulärsten Himmelsereignisse seit vielen Jahren werden.“ Optimisten rechnen damit, dass ISON Anfang Dezember fast so hell wie der Vollmond leuchtet und einen Schweif entwickelt, der sich über ein Drittel des Himmels erstreckt. Doch solche Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen, wie im Frühjahr erst der Komet Panstarrs demonstrierte: Er blieb weit hinter den Erwartungen zurück und war kaum mit bloßen Augen auszumachen.

Der Vorbeiflug von ISON am Mars kommt zu einer für die Wissenschaftler spannenden Zeit: Der Himmelskörper passiert gerade die sogenannte Schneegrenze des Sonnensystems. Der Komet erreicht also den Bereich, in dem die Strahlung der Sonne stark genug ist, um gefrorenes Wasser zu verdampfen. Kometenkerne sind keine festen felsigen Körper, sondern bestehen aus einem Gemisch aus Gesteinsbrocken und Staub, eingebettet in gefrorene, flüchtige Substanzen wie Wasser, Kohlenmonoxid, Kohlendioxid und Methan. Diese flüchtigen Substanzen bilden bei Annäherung an die Sonne den auffälligen Schweif des Kometen. „Wasser macht 90 Prozent der flüchtigen Substanzen aus“, so Lisse, deshalb sollte der Schweif nach Überqueren der Schneegrenze rapide anwachsen, „und dabei sitzen die Marssonden sozusagen in der ersten Reihe.“

Die besten Aussichten, den Kometen zu beobachten, hat der amerikanische Mars Reconnaissance Orbiter. Er ist mit einem Teleskop ausgestattet, das mit seiner 50 Zentimeter großen Öffnung in jedem Fall leistungsfähig genug ist, um ISON aufzuspüren. Allerdings wurde das Instrument konstruiert, um schnelle Aufnahmen der Marsoberfläche zu machen. „Unsere maximale Belichtungszeit ist deshalb – im Vergleich zu Weltraumteleskopen – beschränkt“, sagt Alfred McEwen von der University of Arizona, der für das Fernrohr verantwortlich ist. „Das ist eine starke Einschränkung für die Beobachtung des Kometen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir ISON aufspüren.“

Auch der amerikanische Orbiter Mars Odyssey, sowie der europäische Mars Express werden in den kommenden Tagen ihre Linsen auf ISON richten. Und selbst die Kamera des Marsrovers Curiosity soll an den Himmel gerichtet werden, um den Kometen zu fotografieren. Ob ISON hell genug wird, um für den Rover von der Oberfläche aus sichtbar zu sein, bleibt abzuwarten. Für die Astronomen sind die Beobachtungen zugleich eine Übung für das kommende Jahr: Am 19. Oktober 2014 zieht der Komet Siding Spring in einem Abstand von nur 37.000 Kilometern an der Oberfläche des roten Planeten vorbei. Dann bietet sich erneut die Gelegenheit, mit den Instrumenten der Marssonden einen Kometen aus nächster Nähe zu beobachten. Allerdings besteht bei dem geringen Abstand auch die Gefahr, dass die Orbiter und Rover durch sich mit hoher Geschwindigkeit bewegende Staubpartikel oder größere Bruchstücke des Kometen beschädigt werden.