Eine Raumsonde mit würfelförmigem Körper und zwei länglichen Solarzellenarrays vor dem Planeten Venus

Venus dreht sich langsamer

Berlin – Berge und Täler auf der Venus sind nicht mehr dort, wo die Forscher sie erwartet haben: Von 2006 bis 2008 durchgeführte Messungen der europäischen Raumsonde Venus Express zeigen eine Verschiebung von Oberflächenstrukturen um bis zu 20 Kilometer gegenüber Karten, die auf Beobachtungen der amerikanischen Sonde Magellan aus den Jahren 1990 bis 1992 basieren. Das zeigt die Analyse der Venus Express-Daten durch ein europäisches Forscherteam. Demnach muss die Rotationsperiode der Venus im Verlauf von 16 Jahren um 6,5 Minuten zugenommen haben.

„Als die beiden Karten nicht zusammenpassten, dachte ich zunächst, dass ich einen Fehler bei den Berechnungen gemacht habe“, erklärt Nils Müller vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), einer der beteiligten Planetenforscher. „Denn die Messungen von Magellan sind sehr genau. Aber wir haben jede denkbare Fehlerquelle überprüft.“ Eine derart starke Zunahme der Tageslänge in einem astronomisch gesehen kurzen Zeitraum ist ungewöhnlich und bislang haben die Wissenschaftler keine Erklärung für das Phänomen.

Die Rotationsdauer der Erde schwankt durch Winde und Gezeiten um etwa eine Millisekunde im Verlauf eines Jahres. Die Venus besitzt eine erheblich dichtere Atmosphäre – der Luftdruck am Boden ist 90-mal größer als auf der Erde. Deshalb könnte der Einfluss atmosphärischer Strömungen auf die Drehung der Venus stärker sein. Doch solche kurzfristigen Schwankungen sollten sich im Verlauf von Jahren ausgleichen und nicht akkumulieren. Neuere Atmosphärenmodelle deuten allerdings darauf hin, dass die Venus jahrzehntelange Wetterzyklen besitzen könnte – die dann möglicherweise auch die Rotation auf der Zeitskala von Jahrzehnten beeinflussen. Ein anderer möglicher Erklärungsansatz wäre ein Austausch von Drehimpuls zwischen Erde und Venus, wenn beide Planeten sich auf ihren Bahnen nahe kommen.

Weitere Untersuchungen seien nötig, um die Entwicklung der Venusrotation zu beobachten und der Ursache der Veränderung auf die Spur zu kommen, so die Wissenschaftler. Sie weisen auch darauf hin, dass eine genaue Kenntnis der Drehung des Planeten – und damit der Position von Oberflächenstrukturen – für künftige Landungen von Sonden auf der Venus wichtig sind.