Kanal in Venedig

Venedig sinkt weiter und kippt

La Jolla (USA) – Die Lagunenstadt Venedig, deren deutliches Absinken Ende des vergangenen Jahrtausends gestoppt schien, bewegt sich doch weiter abwärts – allerdings nur um wenige Millimeter pro Jahr. Gleichzeitig kippt die ganze Lagune etwas nach Osten, berichtet jetzt ein Forscherteam. Es hatte erstmals zwei Messmethoden kombiniert, die Langzeit-Daten von GPS-Stationen und dem Radarsatelliten InSAR. So ließ sich die fortschreitende Senkung erkennen, welche andere Messungen übersehen hatten, berichten die Forscher im Fachblatt „Geochemistry, Geophysics, Geosystems“. Eigentlich schien die Senkung des Stadtfundaments beendet, nachdem die Stadtväter das Abpumpen von Grundwasser unter Venedig eingestellt hatten.

„Unsere kombinierten GPS- und InSAR-Analysen fingen deutlich die Bewegungen des letzten Jahrzehnts ein, welche weder GPS noch InSAR alleine feststellen könnten“, erklärt Shimon Wdowinski, Professor für Meeresgeologie und Geophysik an der University of Miami. Er analysierte die Daten von Venedig und seiner Lagune gemeinsam mit Geodäten der Scripps Institution of Oceanography der University of California, San Diego, und Kollegen der italienischen Messfirma für Bodenverformungen, Tele-Rilevamento Europa. Die GPS-Messungen liefern sogenannte absolute Höhendaten, während die Instrumente an Bord von Radarsatelliten die Höhenlagen relativ zu anderen Landpunkten ermitteln. Die Forscher konnten Langzeitmessreihen von vier GPS-Stationen in der Lagune aus der Zeit zwischen 2001 und 2011 mit tausenden RADARSAT-1-Bildern von 2003 bis 2007 abgleichen. So erreichten sie eine hohe räumliche Auflösung mit einer Genauigkeit von ein bis zwei Mikrometern pro Jahr im globalen Referenzrahmen.

„Die nördliche Lagune senkt sich um zwei bis drei Millimeter pro Jahr, während die südliche Lagune um drei bis vier Millimeter absinkt“, schreiben die Forscher. Für die Stadt Venedig, die im höher gelegenen Westen liegt, bedeutet dies eine Senkung von rund ein bis zwei Millimeter im Jahr, mit einem leichten Kippen nach Osten. „Das ist zwar nur ein kleiner Effekt, aber er ist wichtig“, erklärt Hauptautor Yehuda Bock von der Scripps Institution. Das Absinken verdoppelt das Steigen des Wasserspiegels aufgrund der globalen Erwärmung, was ebenfalls rund zwei Millimeter im Jahr ausmacht. In den kommenden 20 Jahren dürfte der Wasserspiegel rund um den Stadtkern um bis zu acht Zentimeter ansteigen.

Eigentlich hatten Geowissenschaftler angenommen, dass Venedig sich am Ende des 20. Jahrhunderts stabilisiert hatte. Zuvor war die Stadt massiv abgesunken, weil viel Grundwasser aus dem Boden darunter abgepumpt wurde, sodass die Erdschichten sich verdichteten. Nach dem Stopp des Abpumpens schien die Senkung gestoppt, das jedenfalls vermittelten Satellitendaten. Doch die weiter anhaltende Abwärtsbewegung hat ihre Ursache offenbar in der Plattentektonik, berichtet Bock: Die Adriatische Platte, ein südlicher Teil der Eurasischen Kontinentalplatte, schiebt sich mit vier bis sechs Mikrometern pro Jahr unter den Gebirgszug der Apenninen. Dies sollten die Stadtväter Venedigs bei allen Maßnahmen gegen künftige Fluten bedenken.