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„Ich kenne keine arbeitslosen Physiker“

Harald Lesch ist einer der bekanntesten Professoren in Deutschland. Er forscht und lehrt in der Astrophysik. Außerdem ist er der Wissenschaftler von „Alpha Centauri“, der Wissenschaftssendung im Bayerischen Rundfunk. Im Interview mit Welt der Physik spricht er über außerirdisches Leben, den Spaß an der Physik und die Selbstausbeutung der Wissenschaftler.

Welt der Physik: Herr Lesch, warum soll man heute Physiker werden?

Harald Lesch: (lacht) Weil es ein toller Beruf ist! Es ist nach meiner Einschätzung eines der allgemeinsten Berufsfelder, die es überhaupt gibt. Physiker sind so etwas wie Advokaten der Natur und ähnlich wie Juristen sind sie ziemlich generell einsetzbar. Physiker lernen im Laufe des Studiums Probleme nach einem ganz bestimmten Verfahren zu lösen,also in endlicher Zeit bei einem Problem auch zu einer endlichen Antwort zu kommen. Und das führt dazu, dass sie wirklich überall einsetzbar sind. Ich kenne keine arbeitslosen Physiker mehr.

Vor allen Dingen aber ist die Perspektive natürlich da, sich mit wirklich außerordentlich interessanten Problemen zu beschäftigen. Nicht mit irgendwelchen 08/15-Problemen, sondern mit solchen, die tatsächlich die Zukunft betreffen. Man kann kreativ sein, originell sein und das ganze auf einer Basis, die aufgrund der mathematischen Grundlage der Physik immer anwendungsorientiert, praxisorientiert und vor allem problemorientiert ist.

Und warum sind Sie persönlich ursprünglich zur Physik gekommen?

Weil ich sie unglaublich interessant finde, weil ich wissen will was die Welt ist und wie sie funktioniert.

Wenn Sie an die physikalischen Entdeckungen der - sagen wir mal - letzten 50 Jahre denken, gibt es da eine die Sie persönlich besonders beeindruckt hat?

Die Entdeckung von Planeten um andere Sonnen herum. Es hat mich am meisten fasziniert, dass es uns gelungen ist, so fein und so extrem präzise Sternatmosphären zu vermessen, dass man daraus ableiten kann, dass diese Sterne – obwohl sie durchaus ziemlich weit von uns entfernt sind – von Himmelskörpern umkreist werden, auf denen sich Leben entwickelt könnte.

Was glauben Sie denn,wann wir tatsächlich extrasolares Leben finden?

In zwanzig Jahren! Und zwar spätestens dann wenn die Europäer es geschafft haben, ihr Projekt DARWIN ins Weltall zu bringen. Mit DARWIN wird nach Ozonabsorptionslinien gesucht und Ozon ist ein Markermolekül für ein biologischen Prozess auf dem Planeten Erde. Bei uns ist es der Marker, also der Anzeiger, für die Photosynthese, die Produktion von freiem Sauerstoff, der in der oberen Atmosphäre von der UV-Strahlung des Sterns, den wir Sonne nennen, zerlegt wird. Und die Standardmeinung zurzeit ist, dass wenn wir Ozon fänden, wir sicher sein können, das auf anderen Planeten Leben gibt. Nicht notwendigerweise gleich höher entwickeltes Leben, aber es gibt dort Biologie und damit ist der Weg vom Einzeller mindestens bis zum Rauhaardackel oder Regenwurm geebnet. Ob dann noch mehr dabei rauskommt, dass weiß ich nicht, aber ich schätze in zwanzig Jahren werden wir es wissen.

Können Sie kurz skizzieren wie ihre Karriere verlief? Was daran war typisch für Physiker? Was war völlig überraschend, was war ungeplant?

(lacht) Also ich habe 1979 angefangen, Physik zu studieren. Und ich habe wie fast die meisten Physikstudenten erstmal ziemlich daran gekaut, dass man nur mit Mathematik bombardiert wird. Das führt bei uns auch im Allgemeinen dazu, dass fast in jedem Jahrgang fünfzig Prozent der Studenten wieder aufhören, weil die Mathematik so unglaublich komprimiert über einen hereinfällt und man nicht sofort weiß wofür man sie eigentlich gebrauchen kann. Wenn man aber diesen ersten Schmerz, diesen ersten Frust, hinter sich gebracht hat, dann ist es eigentlich ein grandioses Studium.

Ich hab 1984 meine Diplomarbeit geschrieben, dann drei Jahre am Max-Planck-Institut in Bonn gearbeitet, habe danach meinen Doktor an der Universität in Bonn gemacht. Das war schon ziemlich schnell, also das heißt ich hatte einfach optimale Bedingungen, weil man an dem Max-Planck-Institut als Doktorand zum Beispiel nicht in die Lehre eingebunden ist. Die finanzielle Ausstattung dieser Institute ist ziemlich gut. Man ist dort ständig mit wirklich erstklassigen Forschern zusammen und wird ziemlich gut motiviert. Das war sicherlich ein extrem guter Beginn.

Video: Vorstellung von Harald LeschPorträt Harald Lesch
Video: Vorstellung von Harald Lesch

Ich habe vor allen Dingen aber, was vielleicht untypisch ist, schon ziemlich früh angefangen, Theater zu spielen und Kabarett zu machen, (lacht) was zumindest für meine spätere Lehrtätigkeit von außerordentlicher Bedeutung gewesen ist, weil ich damit festgestellt habe, dass ich das einfach sehr gern mache:sowohl als Schauspieler auf einer Bühne zu stehen, als auch Studenten zu unterrichten, wobeies durchaus Überlappungen gibt.

Ich hab dann Glück gehabt, dass ich im Laufe meiner Doktorarbeit was herausgefunden habe. Ich bin ja Theoretiker, das heißt ich habe eine Theorie gebastelt, die sich dann tatsächlich durch Beobachtung auch hat bestätigen lassen können. Das war natürlich ziemlich gut. Ich habe 1988 einen Preis dafür bekommen, die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft. Und ich hatte dann relativ schnell eine Post-Doc-Stelle bei Appenzeller in Heidelberg an der Landessternwarte, der uns Post-Docs sehr stark gefördert hat. Wir hatten keine so riesige Wettbewerbssituation wie heute, sondern uns hat man gesagt: "Kommt Jungs, macht mal". Das ist im Vergleich mit heute ziemlich untypisch gewesen. Dann bin ich wieder zurück nach Bonn gegangen und habe mit Hilfe des Otto-Hahn-Preises eine Weile in Kanada arbeiten können. Bin dann gewisser Weise auch Nordamerikanisch, zumindest ein bisschen nordamerikanisch Sozialisiert worden. Bin zurückgekommen nach Bonn.

Ich hab mich relativ früh habilitiert, mit 34, und bin praktisch sofort danach zum Professor geworden. Das ist sicherlich auch nicht typisch, da hab ich einfach Dusel gehabt, dass im richtigen Moment die richtige Stelle da war. Wenn das damals nicht so gekommen wäre, dann wäre ich heute wahrscheinlich an einer Volkshochschule und wäre Fachbereichsleiter für Naturwissenschaften und Philosophie geworden.

Seit 1995 bin ich Professor an der LMU, das ist eine der besten Universitäten Europas mit fantastischen Studenten. Durch die Berufung zum Professor kann ich das tun, was ich am liebsten mache, nämlich vor allen Dingen so gut unterrichten wie es nur irgendwie geht und gleichzeitig aber auch meinen wissenschaftlichen Horizont enorm erweitern. Ich habe mein altes Lieblingsfach – die Philosophie – wieder neu entdeckt, und seit über 10 Jahren unterrichte ich an der Hochschule für Philosophie. Das ist sicherlich nicht typisch. Die meisten Physiker bleiben dann bei ihren Leisten und wandern nicht in die Strukturwissenschaften wie die Philosophie ab.

Und wie kam es zum Fernsehen?

Oh, das verdanke ich einem Kollegen in Garching, der gesagt hat, „ach darüber weiß ich nichts,ich will mich auch vor der Kamera nicht blamieren, also fragen sie doch den Lesch“. So bin ich zum Fernsehen gekommen. Das bayerische Fernsehen suchte 1998 jemanden, der etwas über die Pioneer-Sonden erklären konnte. Die haben nämlich Plaketten auf ihrer Außenhaut, auf denen die Position der Erde angegeben ist, welche Lebewesen auf der Erde existieren usw. Ich habe mich vor die Kamera gestellt und erzählt. Und unter anderem habe ich über eine Sache gesagt: „Was das jetzt zu bedeuten hat, das weiß ich auch nicht so genau“, eigentlich annehmend, dass die Fernsehleute das rausschneiden. Aber das haben sie nicht gemacht, sondern haben meinen 25-Minuten-Monolog in der Space-Night gezeigt. Das war der Beginn meiner Fernsehkarriere, weil die Zuschauer dann geschrieben haben, es sei ja toll, dass ein deutscher Professor vor der Kamera auch mal sagt, dass er etwas nicht weiß.(lacht) So ist es gekommen.

Eine Professoren-Karriere ist nicht planbar

Halten Sie denn eine Professoren-Karriere für planbar?

Nein! Völlig unmöglich, die Nichtlinearitäten auf dem Weg dahin sind so groß, da kann alles mögliche passieren. Es hängt viel davon ab, dass man hartnäckig genug ist, bis zu einem gewissen Lebensalter zu sagen, ich will das auf jeden Fall. Dann müssen sich aber auch die Möglichkeiten ergeben. Und wie gesagt, wenn ich nicht 1995 die Stelle hier in München gekriegt hätte, dann hätte ich mich auf eine Stelle als Fachbereichsleiter für Naturwissenschaften und Philosophie an der Volkshochschule beworben. Ich war preisgekrönt, und trotzdem ergab sich eben nicht sofort die Perspektive auf eine Dauerstelle. Das es dann so gekommen ist, ist der blanke Zufall. Die Stelle die ich jetzt hier in München habe, war eigentlich vorgesehen für einen Kollegen, der dann aber einen Ruf nach Basel bekommen hat. Wenn der nicht nach Basel gegangen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich heute an einer Volkshochschule tätig. (lacht) Also das kann man nicht planen.

Glauben Sie denn, dass eine wissenschaftliche Karriere in der Uni, oder im Uninahen Umfeld mit der Gründung einer Familie vereinbar ist?

Oh, das ist nicht einfach. Man braucht die richtige Lebenspartnerin, ich kann das nur von der männlichen Seite aus sagen, das gilt für Frauen natürlich ganz genauso. Man braucht schon jemanden der das mitmacht, der einem erstens den Rücken stärkt. Der Frust während der Post-Doc-Zeit kann ganz gewaltig werden, wenn man merkt „Himmel noch mal, wie lange soll, dass den noch so weiter gehen?“. Man zieht von a nach b und von b nach c und so weiter. Verliert oftmals Freunde, es wird schwieriger, das soziale Netz aufrecht zu erhalten. Es ist nicht einfach, und ich habe auch da Glück gehabt mit meiner Herzdame, die ich in der Schule schon kennengelernt habe: Sie ist immer mitgegangen. Es gab sicherlich Situationen, wo eine andere gesagt hätte, „also ne, das mach ich jetzt nicht mehr mit“. Ich hatte ihr damals versprochen, mit 35 habe ich entweder eine Dauerstelle oder ich gehe aus der Wissenschaft raus. Und Sie sehen ja in meinem Lebenslauf, es hat knapp geklappt. Aber es ist schwierig, gerade diese Zeit, in der man alle drei Jahre wieder verreisen muss und umziehen muss, und es wird eine ganze Menge verlangt. Und nicht umsonst hat Max Weber mal davon gesprochen, dass es nichts Einfacheres gibt als Idealisten die sich selbst ausbeuten. Ein großer Teil der Wissenschaft lebt davon, dass Idealisten sich selbst ausbeuten, sich und ihre Familien. Leider

Was machen Sie lieber und häufiger, lehren oder selbst forschen?

Lehren und selbst forschen! Am besten ist es, wenn mir in der Vorlesung über die Grundlagen der Physik etwas einfällt, was ich jetzt gerade als Forschungsthema habe. Die Verquickung von Lehre und Forschung ist ziemlich eng, aber wenn ich wählen müsste, würde ich die Lehre nehmen.

Vielen Dank für dieses Gespräch!