Grönlandeis schmilzt schneller als erwartet

Die Eismassen in der nördlichen Hemisphäre schmelzen immer schneller. Erst letzte Woche hatten NASA-Wissenschaftler berichtet, dass sich am Nordpol in den vergangenen zwei Jahren das Abschmelzen der Eisflächen dramatisch beschleunigte. Nun kommen amerikanische Klimatologen zu dem Schluss, dass auch das Festlandeis auf Grönland zwischen 2002 und 2006 mit einer alarmierenden Geschwindigkeit zurückgeht.

Boulder (USA) - "Die Rate des Eisverlustes nahm zwischen Mai 2004 und April 2006 im Vergleich zu den Jahren 2002 bis 2004 um 250 Prozent zu", schreiben Isabella Velicogna und John Wahr von der University of Colorado in Boulder im Fachblatt "Nature". Pro Jahr entspricht das einem Abschmelzen von etwa 250 Kubikkilometern. Das dabei freigesetzte Wasser führt zu einem globalen Anstieg der Meeresspiegel um einem halben Millimeter pro Jahr.

Möglich wurden diese aktuellen, vergleichenden Messungen über Aufnahmen des im März 2002 gestarteten Satelliten-Experiments Grace (Gravity Recovery and Climate Experiment). Dieses Instrument, das zusammen von der US-Raumfahrtbehörde NASA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) kontrolliert wird, bestimmt das Schwerefeld der Erde mit hoher Genauigkeit. Über diese Messungen lässt sich zuverlässig der Rückgang von Eisflächen bestimmen.

Das Abschmelzen des Nordpoleises führt zu keiner Erhöhung der Meerespiegel, da die Eismassen schwimmen und gefroren den gleichen Raum einnehmen wie im flüssigen Zustand. Anders verhält es sich mit dem Festlandeis auf der Insel Grönland, die zum Hoheitsgebiet von Dänemark gehört. Schmilzt hier das Eisschild, so fließt das freigesetzte Wasser in den Atlantik und der Meeresspiegel steigt. Studien gehen davon aus, dass das gesamte Grönlandeis – einmal abgeschmolzen – den Meeresspiegel global um bis zu sieben Metern steigen lassen könnte. Tiefgelegene Küstenzonen würden dadurch unweigerlich in den Fluten versinken.

Zudem könnte der ungewöhnliche Zufluss an Süßwasser aus den schmelzenden Grönlandgletschern die Zirkulation der salzigen Ozeangewässer beeinflussen. "Die Zunahme der Süßwasserzufuhr könnte so zu einer grundlegenden Änderung des Klimas in der nördlichen Hemisphäre führen", berichtet Klimatologe Tavi Murray von der britischen Swansea University in einem begleitenden Kommentar zu den aktuellen Grace-Messungen.