Energiefluss in Deutschland

Der Fluss der Energie

Wozu brauchen wir Energie? - In unserem täglichen Leben wird die Fähigkeit der Energie Arbeit zu verrichten dazu benutzt, um sehr viele, unterschiedliche Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Ein Beispiel ist der Transport von Personen und Gütern etwa durch Auto, Eisenbahn, Schiffe oder Flugzeuge.

Andere Beispiele sind die Beheizung und Beleuchtung unserer Häuser, die Arbeit von Motoren, Pumpen und sonstigen Anlagen in den Industriebetrieben, die Nutzung medizinischer Geräte in den Kliniken oder die gesamte moderne Kommunikation wie Internet, Telefon, Computer und Fernsehen. Aber nicht nur solche oder viele andere Dienstleistungen unseres täglichen Lebens benötigen Energie. Auch das Wachstum der Pflanzen und das Leben aller anderen Organismen wären ohne die ständige Zufuhr von Energie nicht möglich.

Wie kommt Energie nach dort, wo sie gebraucht wird?

Das geschieht mit Hilfe so genannter Energieträger. Durch sie wird die Energie dorthin transportiert, wo sie für die Umwandlung in eine Dienstleistung benötigt wird. Bei den Pflanzen ist es das Sonnenlicht, also Energiezufuhr durch elektromagnetische Strahlung von der Sonne zur Erde. Bei der Heizung unserer Wohnungen werden Öl, Gas, Kohle, Strom oder Fernwärme als Energieträger eingesetzt. Viele Geräte, die wir täglich benutzen, würden ohne elektrischen Strom ebenso wenig funktionieren wie Eisen- und Straßenbahnen. Und unsere anderen Transportsysteme benötigen eine ständige Zufuhr von Treibstoffen wie Benzin, Diesel oder Kerosin. Treibstoffe, Heizöl oder Strom müssen durch technische Prozesse erst erzeugt werden, denn sie kommen in der Natur nicht vor wie Sonnenlicht, Wind, Wasserkraft, Kohle, Erdöl oder Erdgas, die deshalb auch Primärenergien genannt werden. Sie sind die Quellen, die unser sehr komplexes Energiesystem speisen, an dessen Ende die vielfältigen Dienstleistungen stehen, die unsere Volkswirtschaft oder unsere Haushalte benötigen.

Dazu werden die Primärenergien mit Hilfe unterschiedlicher technischer Prozesse in Energieträger umgewandelt. Sie werden deshalb auch als Sekundärenergien bezeichnet. In einigen Fällen wie z.B. bei Kohle, Gas oder Sonnenlicht (als Lichtquelle) können Primärenergie und Energieträger identisch sein. Als zusätzliche Primärenergiequelle steht uns die Kernenergie zur Verfügung. Dazu wir die Energie genutzt, die bei Kernreaktionen schwerer chemischer Elemente erzeugt wird. Hierzu gehört vor allem das Uran, denn bei der Spaltung des Atomkerns von Uran-235 durch Einfang von thermischen Neutronen wird Energie in Form von Wärme frei gesetzt. Die kann in Kernkraftwerken genutzt werden, um mit Hilfe von Dampfturbinen elektrischen Strom zu erzeugen, wie z. B. bei einem Kohle- oder Gaskraftwerk. Als ein weiterer Energieträger wird sich aller Voraussicht nach der Wasserstoff für unser Energiesystem etablieren. Auch er muss aber aus Primärenergie über Umwandlungstechniken gewonnen werden. Er ist also selber keine Energiequelle wie z. B. Erdgas sondern ein Medium, das sehr umweltfreundlich in Wärme oder Strom umgewandelt werden kann, weil hierbei nur Wasser entsteht.

Wirkungsgrade so hoch wie möglich

Die Grafik zeigt links den Einsatz von Primärenergie als roten Pfeil, der sich in Endenergie für Industrie, Verkehr, Haushalte, Handel und Gewerbe sowie Umwandlungsverluste und nicht energetischen Verbrauch aufspaltet. Die Endenergie wird in der Mitte wiederum aufgeteilt auf verschiedene Sektoren wie Antriebsenergie, Beleuchtung, Raumwärme und Kommunikation. Rechts sind die dazu passenden Energiedienstleistungen dargestellt, darunter temperierte Räume, Industrieprodukte, Mobilität und PC-Betrieb.
Energiefluss in Deutschland

Beispiele für solche Umwandlungsprozesse sind Kraftwerke, in denen etwa aus Kohle elektrischer Strom erzeugt wird oder Erdöl-Raffinerien zur Gewinnung von Benzin, Diesel oder Heizöl. Aber auch Solarzellen, Windrotoren oder Wasserkraftwerke zur Stromerzeugung sind solche Umwandlungstechniken zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien. Im täglichen Leben sind es mehr die kleineren Dienstleistungen der Waschmaschine, der Schreibtischlampe oder der Gasheizung im Keller, die uns tagaus und tagein auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.

Der Weg von der Primärenergie bis zu den Dienstleistungen ist mit unterschiedlich großen Umwandlungsverlusten verbunden. Sie hängen von den Wirkungsgraden der Umwandlungstechniken ab, die auf diesem Weg eingesetzt wurden. So wird bei einem modernen Steinkohle befeuerten Dampfkraftwerk nur etwa 45 Prozent der eingesetzten Primärenergie für die Erzeugung von elektrischer Energie genutzt, der Rest erscheint in Form von Wärme, die als Verlust über Kühlanlagen wie Kühltürme abgeführt werden muss. Bei einer elektrischen Widerstandsheizung wird jedoch praktisch die gesamte elektrische Energie in Heizwärme umgesetzt. Solch hohe Wirkungsgrade sind leider eher die Ausnahme. Ein Auto etwa verwendet nur einen kleinen Teil der im Treibstoff gespeicherten Energie für seine Bewegung, auch wenn man von roten Ampeln und Staus einmal absieht.

Die Grafik zeigt die Energiebilanz in Deutschland im Jahr 2010. Der Primärenergieverbrauch liegt bei über 1300 Petajoule, der Endenergieverbrauch bei über 8000 Petajoule.
Energieverbrauch in Deutschland

In der Sprache der Energietechnik wird die eingesetzte Energie in Nutzenergie (z. B. Transport oder Licht) und Verlustenergie umgewandelt. Dieses Schema gilt allgemein für unser Energiesystem, wobei das Verhältnis zwischen Primärenergie und Nutzenergie im Jahr 2002 etwa 2,9 betrug. Das entsprach einem fiktiven Gesamtwirkungsgrad von 34 Prozent für das gesamte Energiesystem der Bundesrepublik Deutschland.

Die Ingenieurwissenschaften sind seit jeher bemüht, die Umwandlungsverluste unseres Energiesystems soweit wie möglich zu verringern, indem die Wirkungsgrade der Umwandlungsprozesse stetig verbessert werden. Hierbei spielt sehr oft auch die genaue Kenntnis der zugrunde liegenden Physik eine sehr wichtige Rolle. Insgesamt ist zu beobachten, dass seit 1990 in Deutschland der Primärenergieverbrauch pro 1000 Euro Bruttoinlandsprodukt bis zum Jahr 2010 um etwa 30 Prozent zurückgegangen ist. Es sind also Fortschritte in die richtige Richtung feststellbar.

Wie viel Energie wird benötigt?

Die Grafik zeigt den steigenden Energiebedarf auf der Welt: 1971 lag er bei knapp 200 Exajoule, 1980 schon bei fast 300 Exajoule, 2005 bei etwa 450 Exajoule, 2008 bei etwa 480 Exajoule und 2009 bei etwa 470 Exajoule. Dargestellt ist auch, dass der Anteil von Kohle und Gas am Energiebedarf immer noch stärker gestiegen ist als der Anteil der erneuerbaren Energien, nur der Anteil von Öl sang sehr stark von 2008 auf 2009.
Weltenergiebedarf von 1971 bis 2008

Der Bedarf an Energie steigt weltweit immer weiter an. Er hat sich von 1971 bis 2008 weit mehr als verdoppelt. Es dominieren nach wie vor die fossilen Energien Öl, Erdgas und Kohle, bei deren Verbrennung das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) entsteht.

Erneuerbare Energien und die Kernenergie als nicht-fossile Energiequellen hingegen hatten 2008 nach Angaben der IEA von Ende 2010 mit zusammen 19 Prozent einen deutlich kleineren Anteil an der Deckung des Weltenergiebedarfs. Der deutsche Anteil am Weltprimärenergiebedarf betrug 2008 mit gut 14 Exajoule nur knapp drei Prozent. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 82,5 Millionen entspricht das einem Primärenergiebedarf pro Kopf von etwa 170 Gigajoule oder 48.000  Kilowattstunden.

Auch bei uns spielen die fossilen Energien bei der Primärenergieversorgung die tragende Rolle. So betrug nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen im Jahr 2010 allein der Anteil des Mineralöls vor allem für den Verkehr, aber auch für die Beheizung unserer Gebäude, 4727 Petajoule, etwa 34 Prozent des Primärenergie-Gesamtbedarfs von 14057 Petajoule. Die übrigen Beiträge kamen vom Erdgas (3063 Petajoule), von der Braunkohle (1510 Petajoule), der Steinkohle (1694 Petajoule), aus Kernenergie (1532 Petajoule), von erneuerbaren Energien wie Wind, Wasserkraft und Fotovoltaik (202 Petajoule) und von Energiequellen wie Brennholz, Brenntorf, Klärschlamm, Müll oder sonstigen erneuerbaren Energien (1118 Petajoule).

Primärenergiebedarf in Deutschland aufgeschlüsselt nach den verschiedenen Energiequellen von 2007 bis 2009. Im Einzelnen: Mineralöle zwischen 4500 und 4800 Petajoule, Erdgas knapp 3000 Petajoule, Steinkohle 1500 bis 1800 Petajoule, Braunkohle ähnlich, Kernenergie ebenfalls, Wasserkraft und Windenergie nur etwa 200 Petajoule, Sonstige Erneuerbare etwa 1000 Petajoule, Sonstige und Außenhandelssaldo etwa 200 Petajoule.
Primärenergiebedarf in Deutschland nach Energiequellen

Der relativ gering erscheinende Anteil der erneuerbaren Energien ist dadurch begründet, dass die Berechnung der Primärenergie nach der sogenannten Wirkungsgradmethode erfolgt. Dieses Prinzip wird angewendet, um verschiedene Primärenergien miteinander in ihrer Erzeugung von Nutzungsenergie vergleichen zu können. Dazu wird zum Beispiel die Stromerzeugung aus Wasserkraft und aus anderen erneuerbaren Energiequellen sowie das Strom-Außenhandelssaldo (Import-Export von Elektrizität) zur Ermittlung der entsprechenden Menge an Primärenergie mit dem Faktor 3600 Kilojoule/Kilowattstunden multipliziert, und damit auf einem Wirkungsgrad von 100 Prozent umgerechnet. Auf diese Weise wird eine Vergleichbarkeit mit den Statistiken internationaler Organisationen wie zum Beispiel den Vereinten Nationen (UN), der Internationalen Energiebehörde (IEA) oder EUROSTAT hergestellt.

Neben der Wirkungsgradmethode gibt es auch noch die so genannte Substitutionsmethode. Bei dieser Methode wird als Primärenergieäquivalent für Strom aus Wasserkraft, Windenergie und Fotovoltaik der Brennstoff angegeben. Dieser wird durch die Stromerzeugung des jeweiligen Energieträgers in konventionellen Kraftwerken substituiert.

Zur Ermittlung des Primärenergieäquivalents für Strom aus Biomasse wird bei beiden Methoden ein so genannter durchschnittlicher Substitutionsfaktor angewandt. Er wird ermittelt aus dem Verhältnis der für die Stromerzeugung in öffentlichen Kraftwerken eingesetzten fossilen Brennstoffe zur Bruttostromerzeugung aus diesen Energieträgern.

Energieforschung: Eine Herausforderung auch für die Physik

Insgesamt stellt das Energiesystem eines modernen Industriestaates ein sehr komplexes Gebilde dar. Wir sind es gewohnt, dass dieses System stets zuverlässig und ohne Störungen funktioniert. Strom kommt stets aus der Steckdose, Treibstoffe werden zwar immer teurer, sind aber immer ausreichend vorhanden, und das gleiche gilt für ausreichend geheizte Wohnungen oder Büroräume. Wie sehr unsere tägliche Welt von den verschiedenen Formen von Energiedienstleistungen geprägt wird, ist uns im Alltag oft wenig bewusst. Bewusster geworden sind uns jedoch über die Jahre zwei Dinge: Erstens sind wir stark abhängig von der Einfuhr von Energie in Form von Öl und Gas, aber auch von preiswerter Kohle, und zweitens ist die Nutzung von Energie oft mit erheblichen Umweltbeeinträchtigungen verbunden wie der Erzeugung von Kohlendioxid bei den Verbrennungsprozessen, die unser Klima langfristig empfindlich verändern können.

Die Erforschung und Entwicklung neuer Energietechniken, die aufgrund höherer Wirkungsgrade erheblich weniger Energie für die gleiche Dienstleistung einsetzen und die Umwelt damit weniger belasten, hat deshalb auch für die Physik einen sehr hohen Stellenwert.