Folgen des Treibhauseffekts
Auswirkungen einer zusätzlichen Treibhauserwärmung von ein bis einigen Grad Celsius erscheinen angesichts der natürlichen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht von etwa zehn Grad, zwischen Sommer und Winter von etwa dreißig Grad, rein gefühlsmäßig wenig signifikant zu sein. Der Blick in die geschichtliche Vergangenheit belehrt uns schnell eines Besseren.
Vor etwa 2000 Jahren wurden die ehemals fruchtbaren Kornkammern Roms in Nordafrika nicht zuletzt durch einen regionalen Anstieg der mittleren Temperaturen um nur einem Grad Celsius zu Trockenwüsten. Ein Temperaturrückgang um nur ein halbes Grad, wie vor einigen hundert Jahren, trug in Mitteleuropa wesentlich zu Hungersnöten wegen der rückläufigen Ernteerträge und dadurch bedingten Auswanderung vieler Menschen nach Amerika bei.
Hinsichtlich möglicher Auswirkungen einer steigenden Erwärmung im Treibhaus Erde um einige wenige Grad Celsius sind zu unterscheiden zwischen mehr oder minder absehbaren Folgewirkungen und nicht absehbaren Risiken möglicher Folgewirkungen
Absehbare Folgewirkungen
Verschiebung von Klimazonen: In den feuchten Tropen werden sich die Niederschläge erhöhen. Dagegen werden sich die subtropischen Trockenzonen ausweiten, im wesentlichen polwärts – um etwa 200 bis 300 Kilometer pro Grad Temperaturanstieg. Das hat große Auswirkungen auf die heute fruchtbaren Kornkammern in Südeuropa, USA, China, Südamerika und Australien. Zudem ist mit einer Ausbreitung von Tropenkrankheiten in heute gemäßigte Klimazonen zu rechnen.
Höhere Windgeschwindigkeiten, mehr Stürme, mehr Stark-Niederschläge: Eine steigende Treibhauserwärmung bedingt notwendigerweise eine steile Zunahme der Wasserverdunstung vor allem über den tropischen Meeren. Bei der nachfolgenden Kondensation dieses Wasserdampfes in der Troposphäre in Höhen von etwa fünf bis zehn Kilometern bewirkt die als potentielle Energie freigesetzte Kondensationswärme eine Verstärkung des Luftdruckgefälles – beispielsweise zwischen den subtropischen Hochdruckgebieten und den subpolaren Tiefdruckgebieten. Windströmungen werden dadurch intensiver.
Der bis zum Jahr 2000 in den letzten Jahrzehnten beobachtete Temperaturanstieg, im globalen Mittel um etwa 0,8 Grad Celsius, über den tropischen Meeren von etwa einem Grad Celsius, ist korreliert mit dem beobachteten Anstieg des Wasserdampfgehaltes der Luft über den tropischen Meeren um etwa zehn bis zwanzig Prozent. Parallel kommt es zu einer Erhöhung des Luftdruckgefälles zum Beispiel zwischen Azoren-Hoch und Island-Tief um etwa sechs Hektopascal (hPa) beziehungsweise dreißig Prozent und weltweit mit einer entsprechenden Erhöhung der Windgeschwindigkeiten um etwa fünf bis zehn Prozent beziehungsweise der Windenergie um zehn bis zwanzig Prozent. Dies führt zu erhöhten Sturmschäden, vor allem durch Wirbelstürme in den tropischen Zonen. Innerhalb der letzten drei Jahrzehnte hat die Zahl von Stürmen und Sturmfluten mit katastrophalen Schäden bereits gravierend zugenommen. Die erhöhte Wasserverdunstung vor allem über den tropischen Meeren führt des weiteren auch regional zu entsprechend erhöhten (Stark-)Niederschlägen.
Existentielle Bedrohung der Wälder in gemäßigten und nördlichen Breiten: Eine Temperaturerhöhung um mehrere Grad Celsius innerhalb dieses Jahrhunderts würde aller Voraussicht nach katastrophale Auswirkungen auf die weltweiten Waldbestände haben: In den Tropen findet bereits heute die großflächige Waldvernichtung vornehmlich zur Deckung des steigenden Landbedarfs für landwirtschaftliche Nutzung statt. Zusätzlich würde der skizzierte Temperaturanstieg die Wälder in den gemäßigten und nördlichen Klimazonen rasch durch steigenden Klimastreß und vermehrte Windeinwirkungen, noch gefördert durch Schadstoffbelastungen und Schädigung durch erhöhte UV-Einstrahlung – bedingt durch die Abnahme des Ozongehaltes der Luft in der Stratosphäre – großflächig in ihrer Existenz bedrohen und zunehmend vernichten. Eine Wiederaufforstung mit an das geänderte Klima angepassten Baumarten hätte nur Aussicht auf Erfolg, wenn der Temperaturanstieg die maximale Anpassungsgeschwindigkeit natürlicher Wälder von maximal einem Grad Celsius Temperaturveränderung pro Jahrhundert nicht merklich übersteigen würde.
Zunahme von Wetter-Extrema: Die Variabilität des Wetters wird zunehmen, dabei werden regional Wetter-Extrema, wie zum Beispiel Starkniederschläge (unter anderem Elbehochwasser 2002) und Dürreperioden, Hitze wie in Europa im Sommer 2003 und Kälteperioden hinsichtlich Ausmaß, Dauer und Häufigkeit zunehmen.
Nichtabsehbare Risiken möglicher Folgewirkungen
Änderungen der Intensität von Meeresströmungen (zum Beispiel Golfstrom): Der Golfstrom bringt mit einem Fluss von etwa hundert Millionen Kubikmeter (m³) Wasser pro Sekunde jährlich eine Wärmemenge von etwa 150.000 Exajoule (EJ). Das entspricht knapp drei Prozent der jährlichen Sonnenlichteinstrahlung beziehungsweise fast 400-mal mehr als die weltweit jährlich eingesetzte Menge technischer Energie. Die wärmende Strömung verläuft aus äquatorialen Breiten im Westen des Atlantik in nordöstliche Bereiche des Atlantik.
Eine wesentliche Pumpe, die den Golfstrom antreibt, ist das Ausfrieren des schließlich abgekühlten Wassers an der Unterseite der schwimmenden polaren Eiskappe. Mit dem so erhöhten Salzgehalt des verbliebenen Wassers wird dieses schwerer als das darunter befindliche Wasser. Es sinkt deshalb in die Tiefe der Meere ab. Bereits durch eine geringfügige Abnahme des Salzgehalts des Meerwassers durch erhöhten Eintrag von Schmelzwasser aus Gletschern und Meereseis, zum anderen durch ein bei steigender Temperatur im Treibhaus Erde mehr oder minder weitgehendes Abschmelzen der schwimmenden nordpolaren Eisdecke, kann diese Pumpe ihren Dienst mehr oder minder versagen.
Erste Anzeichen davon sind bereits erkennbar. So nahm die mittlere Dicke dieser Eisdecke um etwa vierzig Prozent auf derzeit 1,8 Meter innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte ab. Die dazu benötigte Schmelzwärme entspricht der durch den bisher beobachteten Temperaturanstieg erhöhten Wärmeeinstrahlung. Damit kann die Stärke des Golfstroms relativ plötzlich, innerhalb von Jahren bis Jahrzehnten, drastisch abnehmen. In einem solchen Fall würde die mittlere Temperatur in West-, Mittel- und Nordeuropa um mehrere Grad Celsius sinken und damit unter anderem die landwirtschaftlichen Ernteerträge drastisch zurückgehen lassen.
Abschmelzen des Westantarktischen Eisschildes und Anstieg der Meeresspiegel um etwa fünf Meter: Während das nordpolare, im Wasser schwimmende Eis bei steigenden Temperaturen rasch abschmelzen kann, ohne die Höhe des Meeresspiegels dabei stark zu verändern, könnte das südpolare, auf dem Festland der Antarktis aufliegende Eis nur in extrem langen Zeiträumen merklich abschmelzen. Vorübergehend könnte ein Temperaturanstieg in der Antarktis zu erhöhten Schneeniederschlägen führen und damit den Anstieg des Meeresspiegels mildern. Bedrohlich sind aber die westantarktischen Schelfeise zusammen mit den an sie angrenzenden marinen Eisschilde. Diese könnten sich bei einer Erhöhung von Wassertemperatur und Auftrieb durch erhöhten Meeresspiegel vom Boden lösen, ins Meer gleiten und dann schmelzen. Genau dies ist in der Warmzeit vor 120.000 Jahren geschehen, als die Temperatur auf der Erde im globalen Mittel nur um etwa ein bis zwei Grad höher war als heute. Eine weitere Folge. Der Meeresspiegel würde um weitere fünf bis sechs Meter steigen. Dabei wurden für einige 10.000 Jahre weltweit Küstengebiete überflutet, von welchen derzeit insgesamt bis zu fünfzig Prozent der Erdbevölkerung abhängig sind. Sei es, weil sie dort leben, sei es, weil sie aus diesen Gebieten Nahrung beziehen.
Derzeit kann man noch nicht absehen, ob ein solches Abschmelzen der westantarktischen Schelfeise und der marinen Eisschilde bei zunehmender Temperatur und steigendem Meeresspiegel wiederum und gegebenenfalls wann eintreten könnte. Ein solcher Prozeß würde sich über einige Jahrhunderte hinziehen. Im Laufe der nächsten hundert Jahre ist ein solches Geschehen (noch) nicht zu erwarten. Wir wissen allerdings nicht, ob wir durch die jetzt und in naher Zukunft verursachten Spurengasemissionen und den dadurch bewirkten Temperaturanstieg bereits die Lunte für die Auslösung des obigen Prozesses zünden. Ebenso könnte eine steigende Temperatur auch Teile des Festlandeises auf Grönland abschmelzen, wie dies in der Warmzeit vor 120.000 Jahren geschehen ist und dadurch der Meersspiegel um ein bis zwei Meter gestiegen ist.
Umkippen des erst seit 10.000 Jahren temperaturstabilen Klimas in einen Klimazustand mit rapiden Temperaturfluktuationen: Das vielleicht bedrohlichste Risiko einer raschen Aufheizung der unteren Atmosphäre um mehrere Grad Celsius ist ein Übergang des Klimas aus seinem relativ temperaturstabilen Zustand, wie er erst seit etwa 11.000 Jahren seit Beginn der heutigen Warmzeit besteht, in einen temperaturinstabilen Zustand mit starken und raschen Temperaturfluktuationen. Ein solcher Zustand war typisch nicht nur in der der heutigen Warmzeit vorangegangenen Eiszeit, sondern wahrscheinlich auch in der vorigen Warmzeit vor etwa 115.000 bis 125.000 Jahren. In dieser Zeit lag das globale Temperaturmittel über Zeiträume von Jahrhunderten gemittelt nur etwa ein bis zwei Grad Celsius über dem Temperaturmittel der heutigen Warmzeit. Bei einem solchermaßen instabilen Klima wäre eine dauerhaft ergiebige Landwirtschaft zur Sicherung der Ernährung einer Weltbevölkerung von sechs oder künftig noch mehr Milliarden Menschen nicht möglich.
