Inventur der weltweiten Süßwasserflächen

Nahezu rund um den Globus wuchsen die von Süßwasser bedeckten Flächen in den vergangenen drei Jahrzehnten an. Nur in Zentralasien, Australien und Teilen der USA schrumpften die Wasserflächen. Dieses Ergebnis ist Teil der bisher genauesten Analyse des Oberflächenwassers auf allen fünf bewohnten Kontinenten. Durchgeführt wurde sie von einem Forscherteam am Joint Research Center der Europäischen Union in Ispra, das die gesammelten Resultate nun in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte. Die frei zugängliche Datenbank bietet für alle Staaten der Erde eine wichtige Grundlage, um die Auswirkungen des Klimawandels und von Infrastrukturmaßnahmen wie etwa den Bau von Stauseen oder Bewässerungssystemen genauer abschätzen zu können.

Satellitenaufnahme eines Flusslaufs, auf der die permanent vom Wasser bedeckten Flächen blau und die zeitweise bedeckten Flächen rosa dargestellt sind.
Flusslauf des Ob in Westsibirien

„Zwischen 1984 und 2015 sind weltweit etwa 90 000 Quadratkilometer an Wasserflächen verschwunden, dafür wurden auf 184 000 Quadratkilometern vormals zumindest zeitweise trockene Gebiete permanent mit Wasser bedeckt“, fassen Alan Belward und seine Kollegen vom Joint Resarch Center ihre Ergebnisse zusammen. Die Forscher werteten für ihre Wasserinventur etwa drei Millionen Aufnahmen von drei Landsat-Satelliten aus, die über einen Zeitraum von 32 Jahren aufgezeichnet wurden. Alle diese Daten, in der Summe 1823 Terabyte, flossen in die Datenbank des „Global Surface Water Explorers“ ein. Die jüngsten Aufnahmen erreichten dabei eine räumliche Auflösung von 30 Metern, sodass auch kleinere Seen und Flussläufe berücksichtigt werden konnten.

Für die globale Zunahme der mit Süßwasser bedeckten Flächen machen die Forscher den Bau von Stauseen und Bewässerungssystemen, aber auch den Klimawandel verantwortlich. So sei die deutliche Zunahme auf dem tibetischen Hochplateau etwa auf das beschleunigte Abschmelzen der Himalaya-Gletscher zurückzuführen. Der Rückgang der Wasserflächen konzentriert sich mit einem Anteil von 70 Prozent auf fünf Staaten in Zentralasien: Iran, Afghanistan, Irak, Kasachstan und Usbekistan. Gründe dafür erkannten die Forscher in mehrjährigen Dürren, einer unregulierten Wasserwirtschaft und in Flussbegradigungen.

Diese bisher einzigartige Datenbank zeigt den Einfluss von menschlichem Handeln als auch vom Klimawandel auf die Süßwasserflächen in den vergangenen drei Jahrzehnten. Belward und Kollegen erwarten nun, dass ihr frei zugängliches Kartenwerk in möglichst vielen Staaten genutzt wird, um über eine besser geplante Infrastruktur eine gute Wasserversorgung der Bevölkerung gewährleisten zu können. In den kommenden Jahren könnte die Datenbank genauere Informationen liefern, da dann die Messdaten der beiden europäischen Sentinel-Satelliten mit einer räumlichen Auflösung von bis zu fünf Metern einfließen werden.