Gletscherlandschaft

Wie Grönlands Gletscher schmelzen

Noch sind die Eisschilde auf Grönland bis zu 3400 Meter dick, schmelzen mit zunehmender Erderwärmung aber immer schneller ab. Bisher bestimmten Geowissenschaftler den Eisverlust mit jüngeren Satellitendaten und Modellrechnungen. Doch nun gelang einer internationalen Forschergruppe eine grundlegend verlässlichere Analyse vom Rückgang des Grönlandeises über die vergangenen 110 Jahre. Wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Nature“ berichten, werteten sie zahlreiche Luftaufnahmen aus dem 20. Jahrhundert aus und verknüpften diese Daten mit Beobachtungen basierend auf deutlich jüngeren Satellitenaufnahmen. So entstand ein schlüssigeres Bild der Eisschmelze auf Grönland, das nun die zukünftige Entwicklung und den Einfluss auf den ansteigenden Meeresspiegel genauer beschreiben kann.

„Wenn wir nicht alle Ursachen für den Anstieg des Meeresspiegels in der Vergangenheit kennen, ist eine Vorhersage für die Zukunft schwierig“, sagt Kristian Kjeldsen von der Universität Kopenhagen. Zusammen mit Kollegen aus Kanada, Norwegen, Großbritannien und den Niederlanden analysierte er zahlreiche Luftaufnahmen, die zwischen 1978 und 1987 von Grönland aufgenommen wurden. Mit diesen konnte zwar die Dicke der Gletscher nicht sehr genau bestimmt werden. Doch zeigten die Bilder spezifische Landschaftslinien und eine Vegetation, die auf den realen Rückgang der Eisschilde in jüngerer Zeit schließen ließen. Kombiniert mit Satellitendaten und Höhenmessungen aus dem vergangenen Jahrzehnt konnten die Forscher die Entwicklung über drei Epochen seit dem Jahr 1900 rekonstruieren.

Schmelzende Grönlandgletscher sind gemäß dieser neuen Analyse für einen Anstieg des Meeresspiegels um 25 Millimeter verantwortlich. Den größten Beitrag dazu lieferte das Abschmelzen zwischen 2003 und 2010. In diesem kurzen Zeitraum verloren die Eisschilde Grönlands etwa die doppelte Masse im Vergleich zum gesamten 20. Jahrhundert, in dem jedes Jahr durchschnittlich 75 Milliarden Tonnen Eis verloren gingen. Dank der Luftaufnahmen machten Kjeldsen und Kollegen auch regionale Schwerpunkte der Eisschmelze entlang der Nordwest- und Südostküste Grönlands aus.

Bisher nahmen Forscher an, dass die Eisschilde im Zeitraum zwischen 1960 und 1990 stabil waren, das Abschmelzen und Anwachsen sich also im Gleichgewicht befand. Auch diese für Simulationsrechnungen wichtige Annahme konnten die Forscher nun widerlegen. Nun müsse ein neuer Bezugszeitpunkt für Schmelzmodelle gefunden werden. Die Auswertung noch älterer Luftbilder Grönlands, die in den 1930er-Jahren, während des Zweiten Weltkriegs und in den späten 1950er-Jahren aufgenommen wurden, könnten diese Suche vereinfachen, müssten aber noch detailliert ausgewertet werden.

Auch hochaufgelöste Bilder von US-amerikanischen Spionagesatelliten in den 1960er- und 1970er-Jahren könnten das heutige Bild vom Rückgang des Grönlandeises deutlich verfeinern. Doch schon jetzt ist es nicht unwahrscheinlich, dass die aktuelle Studie mit Blick auf den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg in kommenden Berichten des Weltklimarats berücksichtigt wird.