Wann erschüttert das nächste Starkbeben Kalifornien?

Hochaufgelöste Geländeaufnahmen am St. Andreas-Graben offenbaren unerwartet komplexe Geodynamik

St. Andreas-Graben in Kalifornien
St. Andreas-Graben in Kalifornien

Irvine (USA)/Tempe (USA) - Nach dem verheerenden Beben auf Haiti wird die Diskussion um eine zuverlässige Vorhersage dieser Naturkastastrophen wieder lauter. Doch trotz aufwändiger Satellitenbeobachtungen, weit verzweigter Sensornetzwerke und vieler Bohrungen sind die Geophysiker von diesem Ziel nach wie vor weit entfernt. Immerhin konnten sie nun in Kalifornien entlang des St. Andreas-Grabens die Geodynamik mit bisher unerreichter Genauigkeit rekonstruieren. Ihre Ergebnisse, die sie in der Zeitschrift "Science" veröffentlichten, sind ein weiterer kleiner Schritt hin zu einer zuverlässigen Vorhersage.

Ziel der beiden amerikanischen Forschergruppen von der Arizona State University und der University of California in Irvine war es, Stärke und Häufigkeit vergangener Beben besser beurteilen zu können. Genau das gelang ihnen in der Carrizo-Ebene knapp 200 Kilometer nördlich von Los Angeles. Hier klafft der St. Andreas Graben etwa zehn Meter weit auseinander. Bisher galt das Starkbeben von Fort Tejon mit einer Magnitude von 7,8 im Jahr 1857 als verantwortlich für diese Verwerfung. Doch exakte Radar-Messungen der Topographie und ergänzende Altersbestimmungen der Verwerfungen mit der Radiocarbon-Methode ergaben, dass nur die Hälfte der Verschiebung von gut fünf Metern direkt auf dieses Beben zurückzuführen sei. Mehrere bisher unbekannte Folgebeben machen die Geowissenschaftler für das weitere Aufklaffen auf bis zu zehn Metern verantwortlich.

Die Geowissenschaftler konzentrierten ihre Arbeit auf ausgetrocknete Flussläufe, die möglichst senkrecht zum Graben verlaufen und dadurch vergangene Bodenbewegungen besonders gut dokumentieren können. Aus ihren Ergebnisse folgerten sie nun, dass Erdbeben entlang des St. Andreas-Grabens häufiger auftreten müssen als bisher angenommen. Damit könnte sich das Zeitintervall von 240 bis 450 Jahren, in welchem nach bisherigen Kenntnissen Starkbeben in dieser Region auftreten sollten, deutlich verkürzen. "Diese Idee der in einer charakteristischen Weise sich wiederholenden Verschiebungen ist ausgesprochen interessant", sagt Lisa Grant Ludwig von der Arizona State University. Denn dadurch könne die Vorhersage von Erdbeben entlang des St. Andreas-Grabens mit einer vernünftigen Zuverlässigkeit möglich werden. Allerdings zeigen diese Daten auch, dass die Bebendynamik in Kalifornien weitaus komplexer ist als bisher angenommen. Bis zu einer zuverlässigen Bebenvorhersage in Kalifornien, der neben Japan geophysikalisch am besten untersuchten Region, bleibt es dennoch ein weiter Weg.