Warum bebt die Erde in Italien?

Das Epizentrum des Erdbebens letzter Nacht lag knapp 100 Kilometer nordöstlich von Rom in zehn Kilometer Tiefe - der Mittelmeerraum gehört zu den tektonisch kompliziertesten Gebieten überhaupt

Beben in Europa
Beben in Europa

Hamburg - Mindestens 31 Tote forderte letzte Nacht das Erdbeben nahe der italienischen Stadt L'Aquila im Mittleren Apennin. Mitten in der Nacht zwischen 3:32 und 3:39 Ortszeit erschütterten drei starke Beben mit Werten zwischen 5,0 und 6,3 die Gebirgsregion. Zahlreiche Häuser stürzten ein und Tausende wurden obdachlos. Bis in den Montagmorgen folgten 17 etwas schwächere Nachbeben. Nun werden Erinnerungen an das Assisi-Beben vor knapp zwölf Jahren wach, das wahrscheinlich die gleichen geologischen Ursachen hatte wie das jüngste Beben. Denn letzte Nacht lag das Epizentrum in zehn bis zwölf Kilometer Tiefe nur etwa 120 Kilometer südlich von Assisi.

"Die Erde kommt in Italien nicht zur Ruhe", sagt der Seismologe Rainer Kind vom GeoForschungs-Zentrum in Potsdam. Schon nach dem Assisi-Beben schloss er weitere starke Beben in der Region nicht aus, hielt konkrete Vorhersagen allerdings für unmöglich. Denn der Mittelmeerraum sei eines der tektonisch kompliziertesten Gebiete überhaupt. In Italien stößt die adriatische Platte mit der europäischen zusammen. Wie eine Speerspitze von Afrika bohrt sich diese Platte in den europäischen Kontinent. Sie drückt sich nach Nordwesten gegen die Alpen und führt immer wieder zu Beben in Norditalien. So gab es auch gestern Abend gegen 22:20 Uhr weiter im Norden zwischen Bologna und Adriaküste ein Vorbeben mit einer Stärke von 4,7.

Weiter im Südwesten nördlich von Sizilien befindet sich dagegen eine so genannte Subduktionszone, die regelmäßig zu Erschütterungen führt. Genau dazwischen liegt der Gebirgszug des Apennin, in dem sich enorme Spannungen in den Gesteinen aufbauen und in einem starken Beben entladen können. "Der Apennin ist wie eine Naht an der Plattengrenze", sagt Kind. Daher gehört diese Region zu den gefährdetsten Erdbebenregionen in Europa. Den genauen Mechanismus des aktuellen Bebens werden die Geophysiker aus den verfügbaren Daten erst ermitteln müssen. "Doch der Motor für diese Bewegung ist der gleiche wie beim Assisi-Beben", sagt der Potsdamer Seismologe.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich über die kommenden Tage noch zahlreiche Nachbeben im Mittleren Apennin ereignen werden. 1997 kam es in Assisi sogar elf Tage nach dem zerstörerischen Hauptbeben noch zu stärkeren Nachbeben. Auch wenn die Geophysiker die Vorgänge im Untergrund immer besser verstehen können, lassen sich solche Katastrophen bisher nicht vorhersagen. Nur ein allgemeines Bebenrisiko auf der Grundlage der Geologie können die Experten abschätzen. So sei nach Aussage von Jochen Zschau vom GeoForschungsZentrum ein vergleichbares Starkbeben wie nun in Italien sogar in Deutschland möglich.