Steigt der Meeresspiegel doppelt so hoch wie erwartet?

Über ein Meter bis 2100: Klimaforscher warnen auf der Klimawandel-Tagung in Kopenhagen vor einem beschleunigten Anstieg der Ozeane

Kopenhagen (Dänemark) - Über einen Meter wird der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 infolge der globalen Erwärmung ansteigen. Diese dramatische Prognose vertreten zahlreiche Klimaforscher auf der Climate Change Tagung, zu der sich diese Woche mehr als 2000 Wissenschaftler in Kopenhagen treffen. Damit drohe ein fast doppelt so hoher Anstieg der Ozeane als bisher angenommen: Die letzte Schätzung auf Basis des IPCC-Klimaberichts aus dem Jahr 2007 lag bei einer maximalen Erhöhung von 59 Zentimetern. Der Grund für die jetztige Korrektur liege in neueren Messdaten und einem besseren Verständnis des Abschmelzens der Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis, so die Forscher.

"Der Eisverlust in Grönland hat sich während des vergangenen Jahrzehnts beschleunigt", sagt Konrad Steffen, Klimatologe von der University of Colorado in Boulder. Schon heute messen die Forscher einen jährlichen Anstieg des Meeresspiegels von durchschnittlich drei Millimetern. Selbst wenn diese Rate durch einen konsequent verminderten Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxids konstant bleiben sollte, muss mit einem Anstieg von mindestens 30 Zentimetern gerechnet werden.

Da die Eisschilde jedoch sehr langsam auf den globalen Temperaturanstieg mit einer erhöhten Abschmelzrate reagieren, halten zahlreiche Experten diese Zahl für zu optimistisch. "Diese Rate wird nicht konstant bleiben", ist Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung überzeugt. Auch er passte seine Berechnungen auf Grundlage neuer Messdaten an das beschleunigte Abschmelzen der Eisschilde an. Damit kommt er ebenfalls zu einem Meerespiegelanstieg von über einem Meter bis zum Jahr 2100. Seine aktualisierten Berechnungen und Prognosen prüfte er dann auf Übereinstimmung mit den verfügbaren Daten der letzten 1000 Jahre und stellt fest: "Die Simulationen passen so gut, dass ich leider anfange, daran zu glauben".

Drei Faktoren gemeinsam führen zu der Zunahme der Wassermengen in den Ozeanen. Für ein Fünftel des Meeresspiegelanstiegs ist die thermische Ausdehnung des Wassers verantwortlich, das vorhandene Wasser wird wegen der erhöhten globalen Temperatur einfach mehr Volumen einnehmen. Die verbleibenden 80 Prozent begründen die Klimaforscher mit dem Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und in der Antarktis und der Inlandgletscher in den Gebirgsregionen. Gerade für diesen Löwenanteil herrschte für die Prognosen im IPCC-Klimabericht 2007 noch große Unsicherheit, erklärte Eric Rignot von der University of California in Irvine. Und genau diese Wissenslücke konnte in den vergangenen Jahren zumindest zum Teil geschlossen werden.

Trotz einer gewissen Einigkeit auf der Kopenhagener Konferenz werden diese neuen Prognosen in den kommenden Monaten sicher mit viel Skepsis verfolgt und andere, optimistischere Modelle dagegen gestellt werden. Viele Diskussionen um Wahrscheinlichkeiten und die besten Schätzungen werden auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Daten bis zum Klimagipfel im Dezember dieses Jahres, der ebenfalls in Kopenhagen stattfinden wird, folgen. "Wir brauchen dringend ein positives Ergebnis in Kopenhagen und ein stärkeres Problembewusstsein weltweit", sagt IPCC-Chef Rajendra Pachauri.

Unabhängig von Ausgang der Diskussionen um die wahrscheinlichste Höhe des Meeresspiegels haben die Prognosen von mehr als einem Meter bereits ihren Weg in der Praxis gefunden. So entwickelt derzeit ein Expertenteam in den Niederlanden geeignete Strategien, um die tief gelegenen Landschaften effektiv gegen die steigenden Fluten schützen zu können. "Unsere Empfehlungen für einen besseren Küstenschutz basieren auf einem Meeresspiegelanstieg von 1,30 Metern bis 2100", sagt Wilco Hazeleger vom Königlichen Meteorologischen Institut der Niederlande.