Planetarische Grenzen zeigen Handlungsspielraum der Menschheit auf

Anthropogene Belastungen der Erde erreichen ein solches Ausmaß, dass globale Umweltveränderungen nicht mehr auszuschließen sind

Neun definierte planetarische Grenzen
Neun definierte planetarische Grenzen

Potsdam/Stockholm (Schweden) - Eine Gruppe von 28 internationalen Wissenschaftlern hat erstmals auf der Grundlage des aktuellen Wissensstandes der Erdsystemforschung biophysikalische Grenzen definiert, innerhalb derer sich die Menschheit auch weiterhin nachhaltig entwickeln kann. Das Überschreiten einer oder mehrerer dieser planetarischen Grenzen dagegen hätte verheerende Auswirkungen, da es das Erdsystem destabilisieren und plötzlich auftretende, extreme Umweltveränderungen auslösen könnte.

Für das Erdsystem wurden neun relevante Prozesse von den Wissenschaftlern identifiziert: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Störung des Stickstoff- und Phosphorkreislaufs, stratosphärische Ozonausdünnung, Ansäuerung der Ozeane, Süßwassernutzung, Änderungen in der Landnutzung, Verunreinigung durch Chemikalien sowie Aerosoleintrag in die Atmosphäre. Für die ersten sieben Bereiche wurden bereits reale Schwellenwerte ermittelt. Alarmierenderweise zeigen die Analysen, dass für die drei Bereiche Klimawandel, Rückgang der Artensvielfalt und Umwandlung von atmosphärischen in reaktiven Stickstoff, die planetarischen Grenzen bereits Überschritten wurden.

Da alle Bereiche eng mit einander verbunden sind und nicht als separate Prozesse betrachtet werden können, impliziert das Übertreten einer Grenze auch die Gefährdung der anderen Grenzen. So könnte zum Beispiel eine stark veränderte Landnutzung im Amazonasgebiet die Wasserressourcen in Tibet beeinflussen. Wie allerdings die verschiedenen Prozesse ineinandergreifen und innerhalb welcher Zeitspannen es zu irreversibel Umweltschäden kommen könnte, wird heute noch nicht wissenschaftliche verstanden.

Die Wissenschaftler postulieren, dass ein neues Erdzeitalter, das Anthropozän angebrochen sei. Mit dem Beginn der Industrialisierung um 1800 hat sich die Einwirkung menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt so verstärkt, dass sie die Selbstregulierungskräfte der Erde übersteigt und somit zu dramatischen Umweltveränderungen führen kann. Die menschliche Zivilisation ist dabei die Erde aus ihrem derzeitigen, stabilen Holozän-Zustand zu drängen, der ohne menschlichen Einfluss noch mehrere Jahrtausende fortbestehen würde. Im Holozän, das vor ca. 10.000 Jahren begonnen hat und sich durch ungewöhnlich stabile Umweltbedingungen auszeichnet, konnte sich eine komplexe menschliche Gesellschaft überhaupt erst entwickeln. Durch industrialisierten Ackerbau und einem stetig steigenden Bedarf an fossilen Brennstoffen droht nun die menschliche Aktivität das Erdsystem aus dem Gleichgewicht zu bringen, mit katastrophalen Folgen für große Teile der Erde.

Der in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Bericht, der erstmal die biophysikalischen Voraussetzungen für die menschliche Entwicklung sowie einen sicheren menschlichen Aktionsraum im Erdsystem definiert, könnte in Zukunft eine wichtige Grundlage für politische Entscheidungen in sozialen und ökonomischen Entwicklungsfragen bieten.