Gigantischer Lava-Tunnel verbindet die Kanaren mit Afrika

Vulkane im nordafrikanischen Atlas-Gebirge wurden vom weit entfernten Hot-Spot gespeist – geologische Verbindung lässt Berge noch heute wachsen

Tunnel zwischen Kanaren und Afrika
Tunnel zwischen Kanaren und Afrika

Kiel - Über 1000 Kilometer erstreckt sich ein gigantischer Lavakanal von den Kanarischen Inseln bis zur Mittelmeerküste Nordafrikas. Bis vor etwa 500.000 Jahren wälzten sich durch diesen 250 Kilometer breiten Tunnel flüssige Gesteinmassen, die von den Vulkanen im Atlas-Gebirge ausgestoßen wurde. Zu dieser Erkenntnis kamen Kieler Geowissenschaftler, die erstaunliche Ähnlichkeiten in Gesteinsproben von den kanarischen und den afrikanischen Vulkanen entdeckt haben. Ihre Ergebnisse, die auch jüngere Vulkanausbrüche auf Lanzarote und das verheerende Erdbeben 1960 in Agadir erklären helfen, veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift "Geology".

"Die Quelle der Vulkane in Nordwest-Afrika liegt jenseits von Afrika im Atlantischen Ozean", sagt Svend Duggen vom Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in Kiel. Den Schlüssel für diese Erklärung fand der Geoforscher zusammen mit seinen Kollegen im chemischen Fingerabdruck der erstarrten Lavamassen. Sowohl auf den Kanaren als auch im Atlas-Gebirge weisen die Gesteine fast identische Isotopen-Anteile von Elementen wie Blei, Strontium, Lanthan oder Neodym auf. Alle haben ihren Ursprung in einem so genannten Hot-Spot, durch den noch heute aus bis zu 2900 Kilometer Tiefe Magma zur Oberfläche wandert. Dieser Schlot ließ in den letzten 70 Millionen Jahren das heutige Urlaubsparadies der Kanarischen Inseln, aber auch über Verzweigungen die Inselgruppen der Azoren und der Kapverden entstehen.

Auch wenn sich der gigantische Tunnel noch heute durch den oberen Erdmantel in 60 bis 300 Kilometer Tiefe erstreckt, gelten die Atlas-Vulkane längst als erloschen. Doch der Hot-Spot fördert noch immer flüssiges Gestein an die Erdoberfläche und führte zuletzt 1971 zum Ausbruch des Vulkans Teneguia an der Südspitze von La Palma. "Aber das Atlas-Gebirge hebt sich noch heute", sagt Duggen. Verantwortlich seien Bewegungen im oberen Erdmantel, zu denen auch Magmamassen im Lava-Tunnel beitragen könnten.

"Es könnte auch ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Tunnel und dem Erdbeben bestehen, das 1960 die marokkanische Stadt Agadir zerstörte", erklärt Duggen. So wird seine Entdeckung wahrscheinlich zu einem besseren Verständnis der Bebenaktivität in Nordwestafrika führen. "Der Tunnel erklärt vielleicht auch das Rätsel um die Vulkanausbrüche 1736 und 1824 auf Lanzarote", vermutet der Kieler Geoforscher. Eigentlich lag der Hot-Spot damals schon viel zu weit westlich unter La Palma, um einen Vulkanausbrüche auf der nordöstlichsten Kanareninsel zu verursachen. Doch da der Tunnel auf seinem Weg nach Afrika auch unter Lanzarote hindurchführt, könnte er durchaus für diese jüngeren Eruptionen verantwortlich sein.