Steinerne Pille verursacht Erdbeben bei Tokio

Regelmäßig wird die japanische Metropole von schweren Erdbeben heimgesucht – verantwortlich dafür ist wahrscheinlich ein kleines, in den Untergrund abtauchendes Plattenfragment

Das Kanto-Fragment vor Tokio
Das Kanto-Fragment vor Tokio

Tsukuba (Japan)/Menlo Park (USA) - Fast täglich erschüttern kleine Beben die japanische Hauptstadt Tokio. Die etwa 35 Millionen Einwohner der größten Metropolregion der Welt wissen, dass sie in einem der geologisch aktivsten Ballungsräume überhaupt leben. Da ein Starkbeben, das laut Statistik seit 16 Jahren überfällig ist, tausende Opfer fordern und Schäden von bis zu 1000 Milliarden Dollar verursachen könnte, analysieren Geologen akribisch den Untergrund. Jetzt entdeckten japanische und amerikanische Erdbebenforscher ein relativ kleines Plattenfragment, das für die gefährliche Bebenaktivität verantwortlich sein soll. Ihre neuen Erkenntnisse, die die Basis für eine zuverlässige Bebenvorhersage legen könnte, veröffentlichen sie im Fachblatt "Nature Geoscience".

Insgesamt 300,000 Beben lieferten die Daten, die Shinji Toda vom Active Fault Research Center in Tsukuba und seine Kollegen vom US-Geological Survey in Menlo Park sammelten und mit aufwändigen Computersimulationen auswerteten . Dabei konzentrierten sie sich auf ein Gebiet 300 Kilometer nordwestlich von Tokio. Hier treffen drei Erdplatten aufeinander und verursachen Spannungen im Untergrund, die in der Vergangenheit zu zahlreichen, zerstörerischen Beben führten. Dabei tauchen – grob analysiert - die pazifische und die philippinische Platte unter der Masse des eurasischen Kontinents ab.

Doch in Wirklichkeit sind die Prozesse in 30 bis 90 Kilometer Tiefe weitaus komplexer. Ursache für die hohe Bebenaktivität ist ein geologisch kleines Bruchstück der pazifischen Platte. Dieses Kanto-Fragment, 25 Kilometer breit und 100 Kilometer lang, bewegt sich wie eine steinere Pille durch den Schlund der so genannten Subduktionszone. Jedoch kann sie von der eurasischen Platte nicht einfach verschluckt werden, sondern wird von den großen Platten eingezwängt. Genau hier liegt nach Aussage der Geologen der Grund für die erstaunlich hohe Bebenaktivität.

Trotz dieser neuen Analyse der Prozesse im Untergrund sind die Forscher von einer zuverlässigen Bebenvorhersage noch weit entfernt. Doch das Kanto-Fragment, das wahrscheinlich schon vor zwei bis drei Millionen Jahren von der pazifischen Platte abgebrochen ist, soll den Schlüssel zu einem genaueren Verständnis dieser Erdbebenregion liefern. Ähnliche Fragmente vermuten die Wissenschaftler auch an anderen Plattengrenzen rund um den Globus.