Gestern und Morgen: Verheerender Tsunami im Mittelmeer

Im 4. Jahrhundert nach Christus forderte eine riesige Flutwelle im östlichen Mittelmeer zehntausende von Opfern und zerstörte weite Küstenstreifen von der Adria bis zum Nil. Kann sich diese Katastrophe wiederholen?

Cambridge (Großbritannien) - Ursache der damaligen Flutwelle war ein starkes Erdbeben in der Region um Kreta - der genaue Auslöser war aber bislang unbekannt. Ihn haben nun britische Geowissenschaftler entschlüsselt. Wie sie in der Fachzeitschrift "Nature Geoscience" berichten, könnte sich eine solche Katastrophe etwa alle 800 Jahre wiederholen.

"Sowohl der Ort als auch der tektonische Mechanismus dieses Erdbebens konnten nicht sicher bestimmt werden. Bis heute", schreiben Beth Shar und ihre Kollegen von den Bullard Laboratories an der University of Cambridge. Denn bis auf die Aufzeichnungen des Geschichtschreibers Ammianus Marcellinus gibt es kaum zeitgenössische Aufzeichnungen von diesem sommerlichen Katastrophentag am 21. Juli 365. Als vielsprechendster Kandidat für das Beben mit dem nachfolgenden Tsunami galt bisher eine Subduktionszone unterhalb von Kreta, deren Spannungen sich schlagartig in dem Erdbeben entluden.

Allerdings blieb es rätselhaft, wie dieses tiefe Beben eine Flutwelle erzeugen konnte. Die Lösung des Rätsels fanden die Forscher nun im Westen der Mittelmeerinsel. Hier existiert ein Bruch in der Gesteinsplatte. In Folge des Bebens hob sich der Boden relativ schnell um mindestens zehn Meter. Diese Bewegung wirkte als Generator für die Tsunami-Welle, die nach 30 Minuten die Küste des Peleponnes und nach 90 Minuten schließlich Alexandria, Silizien und die Küste des heutigen Kroatiens erreichte.

Den Beweis für diese Annahme lieferten Korallenreste und Spuren von Meereslebewesen an der Westküste von Kreta. Denn Shaw und Kollegen fanden diese Zeugen der Plattenhebung nicht knapp über dem Meerespiegel, sondern in 10 bis 15 Metern Höhe. Über die Datierung mit der Radiocarbon-Methode (C-14-Isotopenanalyse) bestimmten sie das Alter dieser Korallen auf etwa 1650 Jahre. Sie wurden also tatsächlich in der Mitte des 4. Jahrhunderts nach Christus aus dem Meer gehoben und starben an der Luft ab.

Diese schlüssige Analyse der Tsunami-Ursache hat nicht nur eine historische Bedeutung. Denn nach der bisher geltenden Theorie könnte sich eine solche Katastrophe nur etwa alle 5000 Jahre wiederholen. Auf der Grundlage des neu entdeckten Mechanismus verkürzt sich dieser Zeitraum zwischen wahrscheinlichen Tsunami- Ereignissen auf nur 800 Jahre. Da die Region rund um Kreta weiterhin eine geologisch aktive Zone ist, ist auch im Mittelmeer ein effizientes Tsunami-Vorwarnsystem sinnvoll.

Der berühmte Leuchtturm von Alexandria, eines der sieben Weltwunder der Antike, fiel diesem Tsunami jedoch nicht zum Opfer. Das 270 vor Christus fertiggestellte und zwischen 115 und 160 Meter hohe Monument wurde erst knapp 1000 Jahre später von dem Erdbeben im Jahr 1323 stark beschädigt und fiel danach in sich zusammen. Die letzte Erwähnung und Beschreibung des Turmes stammte aus dem Jahr 1435 von Cyriacus von Ancona.