Das Unschärfeprinzip des Klimawandels

Die Vorhersage der globalen Erwärmung lässt sich nur schwer präziser machen – der Grund dafür liegt in der Komplexität des Klimas

Mit steigender Klimasensitivität steigt auch die Unsicherheit der Klimavorhersagen
Mit steigender Klimasensitivität steigt auch die Unsicherheit der Klimavorhersagen

Seattle (USA) - Selbst wenn Wissenschaftler das Klima im Detail genauer verstehen würden als heute, könnten sie keine wesentlich treffsichereren Temperaturprognosen abgeben. Zu diesem Ergebnis kommen Gerard Roe und Marcia Baker von der University of Washington in Seattle aufgrund einer theoretischen Studie, die sie im Magazin Science veröffentlicht haben.

Die Klimaforscher haben ihre Studie deshalb durchgeführt, weil es bei einer vielzitierten Kenngröße des Klimas nur wenig Fortschritt gibt: Die „Sensitivität“ (Empfindlichkeit) des Klimas lässt sich heutzutage nicht viel genauer berechnen als vor 30 Jahren. Die Klimasensitivität ist ein Maß dafür, wie stark die Luft durch die Treibhausgase erwärmt werden wird; ihr Wert liegt wahrscheinlich zwischen 2 und 4,5. Das bedeutet, dass die globale Mitteltemperatur langfristig um 2 bis 4,5 Grad Celsius steigen würde, falls der Gehalt an Kohlendioxid das Doppelte des vorindustriellen Wertes erreicht.

Auch in den kommenden Jahren kann die Klimasensitivität nicht wesentlich präziser angegeben werden, schlussfolgern Roe und Baker aus ihren Berechnungen. Das Klima sei so kompliziert, dass sich der Fortschritt beim Verständnis einzelner Mechanismen kaum in einer verbesserten Prognose niederschlage, wie sich das Klima als Gesamtsystem verhalten werde. Viele offene Detailfragen gibt es zum Beispiel bei der Bildung von Wolken, bei den Ozeanströmungen und bei der Dynamik von Meereis.

Wie Roe und Baker berichten, lässt sich vor allem eine hohe Klimasensitivität von mehr als 4,5 nicht mit Sicherheit ausschließen. Es komme erschwerend hinzu, dass die Unsicherheit der Vorhersagen umso größer werde, je höher der Wert der Klimasensitivität sei (siehe Grafik).

Das Resultat der aktuellen Studie ist nach Einschätzung anderer Forscher nicht gänzlich neu. Doch in einer so vereinfachten Form sei dieser Sachverhalt noch nicht analysiert und dargestellt worden.

In einem Kommentar fordern die Oxford-Wissenschaftler Myles Allen und David Frame, die Fachwelt solle die Suche nach der Obergrenze der Klimasensitivität aufgeben. Bei der Diskussion über politische Maßnahmen zur Dämpfung des Treibhauseffekts könne man auch ohne genauere Vorhersagen auskommen.