Leuchtender Beweis: Auch die Marmorskulpturen des Akropolis-Tempels waren bunt

Forscher des British Museum entdecken erstmals Farbreste mithilfe eigens entwickelter mobiler Lumineszenz-Methode - bei allen früheren Untersuchungen der Parthenon-Figuren waren sie unerkannt geblieben

Marmorskulptur im Infrarotlicht
Marmorskulptur im Infrarotlicht

London (Großbritannien) - Dass altgriechische Marmorskulpturen nicht strahlend weiß, sondern meist bunt bemalt waren, ist heute unumstritten. Nur die so genannten Parthenon-Figuren aus dem Akropolis-Tempel in Athen schienen den alten Mythos der reinweißen Idealkörper aufrecht zu erhalten: Nie hatten selbst eingehende Untersuchungen auf ihnen Farbpigmente entdeckt. Erst mit einer simplen Lumineszenz-Methode konnte ein britischer Forscher jetzt solche Spuren nachweisen. Er hatte im Altertum verbreitete Farbpigmente zum Leuchten im Infrarotbereich angeregt und diese Strahlung mit einer umgebauten Digitalkamera untersucht. Seine mobile Technik zeigt nicht nur Reste des klassischen Ägyptisch-Blau an den Figuren der Akropolis, die heute zu großen Teilen im Britischen Museum stehen. Sie eignet sich auch für andere historisch verwendete und moderne Farbpigmente, so der Forscher im Fachblatt "Analytical and Bioanalytical Chemistry". Klein und tragbar, dürfte das Gerät auch bei der Untersuchung von Farbspuren an schlecht zugänglichen Orten nützlich sein.

"Diese qualitative Bildgebungstechnik lässt sich leicht vor Ort für eine schnelle Material-Charakterisierung einsetzen", schreibt Giovanni Verri, Physiker in der Abteilung Konservierung und Forschung des British Museum in London. Der Forscher hatte das Lumineszenz-Verhalten von Ägyptisch-Blau (CaCuSi4O10) und der alten chinesischen Farbpigmente Han-Blau (BaCuSi4O10) und Han-Violett (BaCuSi2O6) untersucht. Wenn sie im sichtbaren Bereich angeregt werden, geben sie infrarote Strahlung ab, die sich mit einer handelsüblichen Digitalkamera mit vorgeschaltetem Glasfilter aufzeichnen lässt. Verri experimentierte mit unterschiedlichen Leuchtdioden als Lichtquelle und stellte fest: "Der Einsatz von Strahlern sichtbaren Lichts mit wenig Anteil im infraroten Bereich erlaubte, das Vorhandensein der Pigmente zu bestimmen und ihre Verteilung räumlich aufzulösen". Mit roter Leuchtdiode bestrahlt, waren die Farbreste anschließend durch den Infrarotfilter der Kamera deutlich zu erkennen. Verri verglich seine Ergebnisse schließlich mit jenen für Ägyptisch-Grün und für andere historische und moderne Blau-Pigmente. Zudem testete er sein Verfahren an den Marmor-Skulpturen des Parthenon, die sich im British Museum befinden.

Blaue Pigmentreste fanden sich etwa in den Gürtelfalten der geflügelten Götterbotin Iris, auf dem Rücken des Sonnengottes Helios und in den Mantelfalten der Göttin Dione. Ägyptisch-Blau war als Farbe bis rund 800 vor Christus weitverbreitet und wurde auch von Griechen und Römern im Altertum auf Skulpturen verwendet. Dass die heute weißen Figuren ursprünglich leuchtend bunt waren, widerspricht dem Mythos der hehren farblosen Schönheit, die auf das Ideal des Troja-Entdeckers Schliemann und seiner Zeit zurückgehen soll. Manch ausgegrabene Marmorskulptur soll damals sogar sorgfältig von Farbresten gesäubert worden sein, welche die Jahrtausende überdauert hatten. Eine Ausstellung des Frankfurter Liebighauses namens "Bunte Götter", die antike Repliken in vermutlicher Originalbemalung zeigten, war bis vor kurzem in Kassel zu sehen.

Die Parthenon-Skulpturen und Teile eines Frieses im Londoner Museum sind seit langem Streitobjekt zwischen Griechenland und Großbritannien. Griechenland verlangt die Originale zurück, die der britische Botschafter Lord Elgin 1816, angeblich mit offizieller Athener Genehmigung, aus den damaligen Trümmern des Parthenon-Tempels nach Großbritannien gebracht hatte. Nach ihm heißt dieser Teil der Parthenon-Skulpturen "Elgin Marbles" - die Marmorstücke von Elgin. Andere Figuren aus dem Parthenon stehen im Pariser Louvre, im Vatikan-Museum und in Museen in Kopenhagen, Wien, Würzburg und München.