Sternkinderstube im Herzen des Adlers

In einer dunklen Staubwolke im Sternbild Adler enthüllt das Weltraumteleskop Herschel rund 700 sich entwickelnder Sterne, einige davon kurz vor der Reife

Entstehende Sterne im Sternbild Adler
Entstehende Sterne im Sternbild Adler

Paris (Frankreich) - Eine wahre Kinderstube werdender Sterne enthüllte das Weltraumteleskop Herschel, als es erstmals Bilder aus einer dunklen Riesenwolke im Sternbild Adler lieferte: Hunderte Vorstufen von Sternen bilden sich dort, berichtet die Europäische Weltraumagentur ESA. Die hohe Aktivität in der Wolke überraschte die Astronomen. Etwa hundert der Sternkandidaten seien sogar derart ausgereift - so genannte Protosterne -, dass sie in Kürze zu eigenständig leuchtenden Sternen werden dürften. Die ESA präsentiert das erste Bild der Entdeckung auf einer eigenen Webseite für das Herschelteleskop: oshi.esa.int.

Die dunkle Wolke ist im Durchmesser etwa 65 Lichtjahre groß und liegt rund eintausend Lichtjahre von der Erde entfernt mitten im Sternbild Adler (Aquila). Sie gehört zum so genannten Gouldschen Gürtel, einem riesigen Ring aus Sternen. Die Staubhülle der Wolke ist so dicht, dass kein anderes Satellitenteleskop bisher hatte hineinschauen können, auch nicht mit Infrarottechnik. Das Herschelteleskop jedoch ist im langwelligen Infrarotbereich hoch empfindlich und lieferte so das erste Bild vom Inneren der Wolke. Das Bild stammt vom 24. Oktober 2009. Beteiligt waren zwei der drei Hauptinstrumente an Bord: das Photometer PACS (Photodetection Array Camera Spectrometer) für den Wellenlängenbereich 57 bis 210 Mikrometer, entwickelt vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, und das Photometer SPIRE (Spectral and Photometric Image Receiver) für den Bereich 200 bis 670 Mikrometer, entwickelt an der University of Wales.

Die Instrumente machten im feinen Staub der Wolke auch deutliche Zusammenballungen von Staub und Gas sichtbar, die Vorstufen von Sternen. Der Großteil der rund 700 Objekte ist offenbar erst schwach entwickelt, doch etwa 100 sind bereits so genannte Protosterne - dichte Himmelsobjekte im späten Entwicklungsstadium, die durch Gravitationskraft stetig Masse aus dem umgebenden Staub aufgenommen und beinahe ein stabiles inneres mechanisches Gleichgewicht erreicht haben. Durch weitere Verdichtung erwärmen sie sich und strahlen Infrarotlicht ab, bis die Kerntemperatur etwa 3 Millionen Kelvin erreicht und sich der Wasserstoff entzündet. Die andauernde thermonukleare Reaktion bringt die Objekte als Sterne zum Leuchten.

Der Gouldsche Gürtel (Gould's Belt) erstreckt sich über rund 2000 Lichtjahre und ist eine Ansammlung von Sternwolken, Sternentstehungsgebieten und jungen Sternen. Aus ihm stammen etwa Himmelskörper der Sternbilder Skorpion, Orion und Kreuz des Südens. Unsere Sonne liegt nahe dem Zentrum des Gürtels, ist aber nicht Teil davon. Die relative Nähe macht den Gürtel allerdings zum praktischen Studienobjekt für Astronomen. Hauptziel des Herschelteleskops ist, die Entstehung von Sternen näher zu untersuchen. Neben dem Sternbild Adler soll es 14 weitere Bereiche des Gouldschen Gürtels anvisieren.