Fünf junge Männer und ein Mädchen stehen nebeneinander lächelnd vor einer Tafel, die physikalische Symbole enthält.

Ein physikalisches Wochenende beim Orpheus-Seminar

Viele Jugendliche nutzen ihre Wochenenden um einen möglichst großen Bogen um alles zu machen, was mit Lernen zu tun hat. Wir – Alexander Wolff, Jonas Rittmeyer, Kim Wittenburg, Tammo Sievers, Vincent Bettaque und ich – gehören zu den Leuten, für die das nicht gilt. Wir beschäftigen uns, wie einige andere, die genauso verrückt sind, in unserer Freizeit mit dem Lösen von physikalischen Problemen. Deshalb haben wir uns für 4 Tage mit Gleichgesinnten in Kiel getroffen.

Am Donnerstag, dem 2. Oktober, ging es endlich los: die Bleistifte gespitzt und die Collegeblöcke griffbereit machten wir uns auf den Weg nach Kiel zum Orpheus-Seminar 2014. Das hat nichts mit dem Sänger aus der griechischen Mythologie zu tun, sondern ist die Abkürzung für Organisationsgruppe Physik für europäische Schüler und Studenten. Der Orpheus e.V. veranstaltet jedes Jahr an einer anderen Universität in Deutschland ein Seminar zur Vorbereitung auf die IPhO für die Schüler, die erfolgreich an der ersten Runde des Wettbewerbes teilgenommen haben. Die IPhO (Internationale PhysikOlympiade) ist ein Schülerwettbewerb, der Schülern die Möglichkeit bietet, ihre Physikkenntnisse im internationalen Vergleich zu messen. Bei solch einer Veranstaltung können natürlich nur die Besten teilnehmen. Deshalb muss man sich erst durch vier Auswahlrunden durcharbeiten, bevor man zum Finale fahren darf, das in diesem Jahr zum Beispiel in Mumbai stattfindet.

Ein Blatt Papier mit einer großen Tabelle, die zahlreiche Vorträge über mehrere Tage auflistet, zum Teil mit Bleistift-Notizen versehen.
Ein individueller Stundenplan

Beim Orpheus-Seminar geht es darum, dass sich interessierte Schüler untereinander austauschen und von ehemaligen IPhO-Teilnehmern Neues lernen zu können. Den Tag über fanden in der Physik der Christian-Albrechts-Universität Vorträge, Experimente und Aufgabenseminare zu verschiedensten Themenbereichen statt. Von der klassischen Mechanik bis zur modernen Physik ist für jeden etwas dabei gewesen. Damit bei dem breiten Spektrum an Themen auch für jeden der optimale Stundenplan entsteht und nicht ein Vortragsraum überfüllt, dafür ein anderer leer ist, mussten im Vorfeld alle Teilnehmer an die Veranstaltungen Sterne verteilen und damit ihre Präferenzen festlegen. Eine extra für dieses Seminar programmierte Software, hat dann alle auf die Veranstaltungen verteilt. Diese Methode hat erstaunlich gut funktioniert.

Am Abend gab es zudem die Möglichkeit für alle, sich kürzere Vorträge in einer entspannten Runde anzuhören. Bei diesen ging es neben der Entstehung der Stundenplansoftware um den Film Illuminati und das Rätsel der Antimaterie, oder was eine „Quatze“ ist. (Dabei handelt es sich um eine Metapher zur Beschreibung der Unvorstellbarkeit von Quanten in Anlehnung an ein Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger) Wir haben sogar gelernt, wie man durch Schlagen auf den Flaschenhals den Boden aus einer Glasflasche sprengt. Die freie Zeit haben alle unterschiedlich verbracht. Ich saß meistens mit den vier Jungs aus dem Jahrgang über mir auf deren Zimmer und wir haben rumgeblödelt. Irgendwo im Haus wurde meistens „Mafia“ gespielt wurde, ein Rollenspiel, bei dem es darum geht Mafiosi in der Runde zu identifizieren.

So habe ich gemeinsam habe ich mich mit coolen Leuten durch Quanten- und Atomphysik gekämpft und sogar die spezielle Relativitätstheorie unter die Lupe genommen. Dass wir dabei nicht sofort alles verstanden haben, ist nicht verwunderlich, denn der normale Physikunterricht unserer Schule kommt an die meisten dieser Them nicht heran. Es macht Spaß, mit anderen Physikbegeisterten zusammen zu arbeiten. Durch das Austauschen von Ideen und durch das gemeinsame Tüfteln an Aufgaben entstehen neue Ansätze und Lösungswege. Die meisten Aufgaben aus der ersten Runde der IPhO sind mit den Grundlagen aus der Schulphysik, einer Formelsammlung und etwas Kreativität zu lösen.

Karikaturzeichnung einer Kiste von innen: Rechts eine radioaktive Apparatur, die mit einer Giftampulle verbunden ist, links hinter einem Gitter eine tote und eine lebendige Katze voreinander.
Schrödingers Katze

Ein gutes Beispiel hierfür ist die erste Aufgabe bei der es darum ging, dass ein Bastler einen supercoolen Looping für seine Modellautobahn bauen möchte. Damit dieser Looping etwas besonderes wird, will er oben eine Lücke lassen. Es soll berechnet werden, wie groß diese Lücke sein kann, damit dass Auto die Strecke fliegt und wieder sanft auf der anderen Seite landet. Etwas schwieriger wird es in der zweiten Runde, die ebenfalls zu Hause bearbeitet werden soll. An dieser Stelle kommt man mit der Schulphysik nicht mehr besonders weit, denn Optik fehlt zum Beispiel in unserem Lehrplan fast vollständig. In dieser Runde muss man auch zeigen, dass man vernünftig experimentieren kann: zum Beispiel bei der Bestimmung der Oberflächenspannung einer Seifenblase. Die folgenden Runden finden in Form von Klausuren statt. Dieses Jahr treffen sich die 50 Besten aus der zweiten Runde dafür bei DESY in Hamburg.

Natürlich stellt die Teilnahme an solchen Veranstaltung eine Zusatzbelastung dar, vor allem, wenn man mit und neben der Schule schon genug zu tun hat – doch es lohnt sich. Ich hätte mein Wochenende nicht besser verbringen können, und nicht nur das: Ich freue mich jedes Mal darauf, wenn wir uns zum Knobeln privat treffen.

Für begeisterte Schüler gibt es außerhalb der Schule eine Menge Möglichkeiten, sich in der Physik ordentlich auszutoben – nicht nur die IPhO. Leider werden diese Möglichkeiten sehr selten von den Lehrern an die Schüler weitergegeben, was zu geringen Teilnehmerzahlen führt. Deshalb lohnt sich ein Blick ins Internet, zum Beispiel bei Welt der Physik. Die meisten Lehrer übernehmen gern, wenn man sich informiert hat und auf sie zukommt, die Betreuung der Schüler in einem Wettbewerb. Es lohnt sich auf jeden Fall, selbst die Initiative zu ergreifen und die Chancen zu nutzen. Vielleicht seid ihr es, die nächstes Jahr in den Hörsälen sitzen und gespannt einem Vortrag über Kernphysik lauschen!