Eine große Residenz vor blauem Himmel.

Das German Young Physicists' Tournament 2016

Siebzehn auf Englisch formulierte Physikaufgaben, die von 101 Teilnehmern in 38 Teams präsentiert und diskutiert werden – und das alles an einem Wochenende: wie ich das GYPT 2016 erlebt habe.

Das International Young Physicists' Tournament (kurz IYPT) gibt es bereits seit 1988 – angefangen in Russland hat es immer mehr Länder mit seinen physikalischen Fragestellungen angesteckt, und seit dem Jahr 2013 ist auch Deutschland mit im Boot. Wofür steht dann „GYPT“? Natürlich für German Young Physicists' Tournament. Es stellt einen nationalen Auswahlwettbewerb dar, um die besten Schüler*innen aus der Bundesrepublik zu finden, damit die talentiertesten Jungphysiker auf die internationale Ebene geschickt werden können.

Wie kommen Physikbegeisterte nun dazu, am GYPT teilzunehmen? Der Wettbewerb beginnt im Herbst, wenn die 17 physikalischen Fragestellungen auf der Homepage des IYPT veröffentlicht werden. Aus diesen Problemen muss sich jeder Teilnehmer eines heraussuchen und bearbeiten. Es wird in ihnen in zwei bis drei Sätzen erläutert, was zu tun ist. Im Folgenden als Ansichtsexemplar das Problem Nr. 2 aus diesem Jahr:

Beispielproblem: Das hinterherhinkende Pendel

Ein roter Ball hängt mit einem Faden an einer horizontal aufgehängten Fahrradfelge.Ein Video des „hinterherhinkenden Pendels“
Ein Video des „hinterherhinkenden Pendels“

A pendulum consists of a strong thread and a bob. When the pivot of the pendulum starts moving along a horizontal circumference, the bob starts tracing a circle which can have a smaller radius, under certain conditions. Investigate the motion and stable trajectories of the bob.

Deutsche Übersetzung:

Ein Pendel besteht aus einem festen Faden und einem Gewicht. Wenn der Aufhängepunkt des Pendels anfängt, sich auf einer horizontalen Kreisbahn zu bewegen, kann das Gewicht unter bestimmten Voraussetzungen einen Kreis mit einem kleineren Radius beschreiben. Erforsche die Bewegung und die stabilen Bahnen des Gewichts.

Wie an diesem Beispiel zu erkennen, sind die Aufgaben sehr offen gestellt. Und genau das ist der Kern des IYPT. Die Schüler*innen müssen sich mit dem meist noch unbekannten physikalischen Themenfeld befassen und selbst für sich entscheiden und herausarbeiten, wie sie das Problem angehen. Wichtig dabei ist, sowohl einen theoretischen, als auch einen experimentellen Teil in seine Bearbeitung mit einzugliedern – und am besten auch in die Tiefe zu gehen und seine Lösung vollkommen zu verstehe.

Die Lösungen des Problems, wobei es nicht pro Problem eine Musterlösung gibt, sondern es immer auf die Art der persönlichen Bearbeitung ankommt, werden schließlich in einer 12 minütigen digitalen Präsentation zusammengefasst – das alles erfolgt auf Englisch.

(Quelle: ArrayHomepage des GYPT)

Das GYPT ist das Eintrittstor für die Teilnahme am IYPT, und dieses Jahr war ich selbst mit dabei. In Bad Honnef startete am 12. Februar das bisher größte GYPT mit insgesamt 101 angemeldeten Teilnehmern, die in 38 Teams organisiert waren. Was hat es mit diesen Teams auf sich? Jeder Teilnehmer sucht sich für die Teilnahme am GYPT zwei Teamkollegen. Voraussetzung ist, dass jedes Teammitglied eine andere der 17 Problemstellungen bearbeitet hat, sodass man als Mannschaft bereits über drei Probleme ein breites Fachwissen vorweisen kann.

Ablauf des Wettbewerbs: Wie das GYPT funktioniert

Die Jury während eines fights

In den sogenannten „fights“ stellt jeweils ein Teammitglied, der „reporter“, sein Problem einem anderen Dreierteam vor. Während des 12-minütigen Vortrags macht sich das andere Team Notizen und bekommt im Anschluss noch zwei Minuten Zeit zur Beratung. Danach kommt ein Teilnehmer des anderen Teams, der „opponent“, zum reporter auf die Präsentationsfläche. Seine Aufgabe ist es, die guten Aspekte des Vortrags herauszustellen und zu loben, auf der anderen Seite jedoch auch an kritischen Stellen nachzuhaken und Fragen zu stellen, damit eine spannende physikalische Diskussion zustande kommen soll, welche weitere 12 Minuten einnimmt.

Das ganze wird von einer Jury bewertet, die aus ehemaligen Teilnehmern, GYPT-Zentren-Leitern und unabhängigen Experten zusammengesetzt ist. Von ihr werden nach Ende der Diskussion nochmals Fragen sowohl an den Reporter als auch an den Opponent gestellt. Nach der Abgabe der Punkte auf einer Skala von 0-10 folgt noch ein kurzes Feedback an beide Teilnehmer. Die Punkte für den Reporter zählen jeweils doppelt, diejenigen des Opponent einfach in die Gesamtwertung mit hinein. Auch wenn das GYPT auf deutschem Boden stattfindet, wird hier, wie auch im internationalen IYPT, ausschließlich Englisch gesprochen.

Mein GYPT-Wochenende

Am 12. Februar, dem Anreisetag ging es direkt mit dem ersten Programmpunkt los. Nach dem Bezug der tollen Zimmer im neuen Gästehaus des Physikzentrums in Bad Honnef war jeder der Teilnehmer und Gäst, zu einer Führung eingeladen. Besichtigt wurde das Gelände von ABB in Bad Honnef, einem der größten Transformatorenhersteller der Welt. Neben der interessanten Herstellung der Produkte, wurden auch diverse Testverfahren erklärt und man erhielt bei der ausführlichen Führung einen spannenden Einblick in die Welt der „Riesentransformatoren“.

Abends wartete dann noch die „Address of Welcome“ auf alle Anwesenden bevor es nach dem Abendessen mit dem Buzzer-Quizz Jeopardy weiterging, in dem Freiwillige ihr Wissen zu Computerbestandteilen, aber auch geschichtlichen wie geografischen Daten beweisen konnten. Im Anschluss hieß es für viele noch einmal: Ran an die Arbeit, und noch einmal an den eigenen Vorträgen arbeiten, vielleicht doch noch eine Stelle im Paper nachlesen, um noch besser auf die möglicherweise kommenden Fragen vorbereitet zu sein, oder sich noch mehr zu einem der anderen Themen informieren, das man am nächsten Tag opponieren musste – denn seit dem Abend stand fest, welches Team auf welche anderen Fragestellungen treffen würde.

Medienvertreter interviewen einen Teilnehmer

Nach einer für die meisten sehr kurze Nacht ging es am nächsten Tag dann direkt mit den fights los. Vortragen, Rede und Antwort stehen, zuhören, Fragen überlegen und für die Teamkollegen mitfiebern – die sechs fights, in denen ich an diesem Tag aktiv als ein Mitglied eines der Teams mitwirkte, waren alle durchweg spannend. Hatte man gerade „fight-Pause“ war man dazu eingeladen, bei anderen Teams mit hineinzuschauen, um den Lösungsweg für ein ganz anderes Problem vorgestellt zu bekommen, das einen vielleicht schon sehr lange interessiert hat. Das habe ich auch getan, und konnte so noch mehr vom Wettbewerb mitnehmen. Oder man konnte die Pausen nutzen, um sich auf die noch folgenden fights vorzubereiten, wobei natürlich auch kurze Entspannungs- und Essenspausen nicht fehlen durften.

Nach diesem sehr langen, interessanten, aber auch anstrengenden Tag, standen schließlich am Abend die drei Teams fest, die am nächsten Tag das Finale bestreiten würden. Alle anderen durften zwar am nächsten Tag nicht auf der großen Präsentationsfläche vor der 13-köpfigen Finaljury stehen, aber konnten sich dafür vollkommen entspannen. Am Abend ging es für alle, die Lust hatten, noch zu einer „Bowling-Disko“, die einen schönen Abschluss dieses Arbeitstags bildete.

Der Finaltag

Am nächsten Tag begann schließlich nach dem Frühstück um 9 Uhr das Finale. Alle, die sich heute noch einmal auf der Bühne präsentieren durften, gaben ihr Bestes. Die anderen konnten entspannt, oder auch gespannt auf das Endergebnis, in den Rängen sitzen und zuhören. Nachdem das Siegerteam und im Anschluss auch noch die 10 Teilnehmer des IYPT bestimmt waren, gab es noch Urkunden und ein abschließendes Mittagessen für alle, das das gesamte Wochenende abrundete.

Eine Jurybewertung während des Finales

Die Stimmung war über die drei Tage grandios. Es gab keine Anfeindungen zwischen gegnerischen Teams, sondern vielmehr einen sehr regen Austausch zwischen all den zusammengekommenen Physikfanatikern über sowohl die 17 IYPT-Probleme als auch ganz andere knifflige physikalische Fragestellungen. Daneben gab es die Möglichkeit, physikalische Vereine wie die jDPG, oder auch dieses Onlinemagazin Detektor kennenzulernen, sodass auch wenn man nicht zu den Siegern gehörte, jeder doch einiges an Erfahrungen und Informationen mitnehmen konnte.

Ich persönlich hatte in der Vorbereitungsphase zum GYPT aufgrund zu weiter Anfahrtswege alleine zu Hause gearbeitet. Während viele der Teilnehmer*innen von einem GYPT-Zentrum unterstützt wurden und bereits dort ihre Teammitglieder fanden, traf ich die zwei weiteren Mitglieder meines Teams „Winterwind“, mit denen ich zuvor nur über Handy und E-Mail Kontakt hatte, erst auf der Zugfahrt bzw. direkt am Physikzentrum.

Das lag vor allem daran, dass wir eine aus ganz Deutschland zusammengewürfelte Mannschaft waren – vom Norden in der Nähe von Hamburg bis zum südlichen Baden-Württemberg. Trotzdem funktionierten wir schon nach dem ersten halben Tag, den wir uns persönlich kannten, überraschend gut als Team. Schon in der „Vorbereitungsnacht“ von Freitag auf Samstag unterstützten wir uns gegenseitig und bereits nach dem ersten fight am Samstag wurden wir für unsere nahezu perfekte Team-Arbeit gelobt, was auch den Rest des Wochenendes so blieb.

Die Preisträger nach Abschluss des Finales

Mein Dreierteam verpasste mit dem fünften Platz und nur wenigen Teilpunkten zu wenig das Siegertreppchen ganz knapp – insgesamt war es für uns alle aber trotzdem eine unglaublich tolle Erfahrung, die man wirklich nicht verpassen sollte und die wir, um sie wiederholen zu können, schon fest in unseren Terminkalender für das Jahr 2017 eingetragen haben.