Schwarz-Weiß-Foto einer alten Frau, die am linken Bildrand auf einer Steintreppe sitzt, rechts von ihr zwei junge und eine mittelalte Frau im Gespräch mit ihr.

Lise Meitner: Ein Leben gegen die Konventionen und für die Wissenschaft

Das, was heute selbstverständlich ist, ist noch gar nicht lange möglich und üblich. Erst in den vergangenen hundert Jahren entwickelte sich die Gesellschaft so, dass auch Frauen in der Physik tätig und erwünscht sind. Neben Marie Curie war Lise Meitner eine der Pionierinnen der Wissenschaft. Tanja Ranz berichtet von Lise Meitners beeindruckendem Leben, ihrem Beitrag zur Forschung und den durch die historischen Umstände bedingten Komplikationen.

Frauen in der Physik – das sollte heute kein Problem mehr sein. Physikerinnen, Physiklehrerin­nen oder auch Astronominnen sind heutzutage nicht mehr selten. Doch vor rund 100 Jahren war dies noch kaum vorstellbar. Frauen in der Wissenschaft galten als unsittlich und „gegen Gottes Ordnung“. Sie mussten um ihre Anerkennung kämpfen.

Lise Meitner, eine junge und wissbegierige Frau, ließ sich von diesem gesellschaftlichen Zwang jedoch nicht davon abhalten, ihrer Berufung zu folgen. Sie zeigte der Welt, dass auch Frauen die Menschheit auf diesen Gebieten weiterbringen können und den Männern in nichts nachstehen. Mich hat die Biographie von Lise Meitner als tragische Heldin sehr beeindruckt und ich möchte sie hier als „Mutter der Atombombe“, aber auch als Genie ein wenig näher beschreiben.

Ein steiniger Bildungsweg

Eine junge Frau steht mit gefalteten Händen vor großen Pflanzen und blickt aus dem Bild. Sie trägt ein langes, geschlossenes Kleid und einen weiten Hut.
Die junge Lise Meitner

Elise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien als Tochter von Hedwig und Philip Meitner, ei­nem jüdischen Rechtsanwalt, geboren. Schon als kleines Mädchen war sie sehr neugierig. Viel lieber verschlang sie Physik- und Mathematikbücher, anstatt sich Märchen anzuhören. Als kritisch veranlagte Person wollte sie „Gott in seiner Arbeit prüfen“. Ihr Vater forderte seine Kinder in der Bil­dung sehr. Aber der Weg zu einem Studium ihrer Passion – der Physik – war steinig. Nur durch unbändigen Ehrgeiz und Wissensdurst gelang es ihr, die Prüfung zu bestehen und als einzige Frau an dem akademischen Knabengymnasium aufgenommen zu werden. Auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnissen gab sie sich vollkommen ihrer Arbeit hin. Lise promovierte über die Wärmeleitung inhomogener Körper und legte 1906 als zweite Frau in der deutschen Geschichte ihre physikalische Promotion ab. Ihr Profes­sor Ludwig Bolzmann entwickelte sich zu einer Art Vaterfigur für sie, und so war sie nach des­sen Tod 1906 völlig erschüttert. Lise musste nun auf eigenen Füßen stehen. Sie zog nach Berlin, der damaligen Wissenschaftsstadt.

Doch dort wurden Frauen nicht in wissenschaftlichen Berufen geduldet. Sehr großes Glück wider­fuhr ihr allerdings, als sie auf den jungen Wissenschaftler Otto Hahn traf. Dieser hatte ein provisorisches Labor in einer Holzwerkstatt und nahm Lise als Arbeitspartnerin auf. Dort konnten sie gemeinsam erfolgreich arbeiten. Ein Institut durfte Lise als Frau damals nicht betreten. Otto war ein brillianter Analytiker mit einer ausgeprägten Intuition und Lise konnte aus der Verbindung von Experiment und Theorie in kurzer Zeit auch schwierige Beweise ableiten. Sie war ein Genie im Fachbereich der Physik.

Schwere Entscheidungen und wissenschaftliche Erfolge

1909 entdeckten die beiden den radioaktiven Rück­stoß bei der Aussendung von Alphastrahlen. Lise trug diese Entdeckung sogar der physikali­schen Gesellschaft vor. 1912 arbeitete sie als unbezahlter Gast im neugegründeten Institut für Chemie, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin. Noch im selben Jahr erhielt sie als erste Frau eine Stelle als Assistentin an der Universität bei Max Planck. Mit Ausbruch des ersten Weltkrie­ges war sie als Röntgenschwester in einem Lazarett an der Ostfront tätig. Diese Zeit strapazierte Lise sehr, denn sie hatte enorme Schwierigkeiten, mit dem Leid der Menschen umzugehen. Einen Offizier, der in den Wirren des Krieges um ihre Hand anhielt, wies sie schweren Herzens zurück. Sie entschied sich nur für ihren Beruf, die Physik – eine Entscheidung, die sie später als Fehler bereute.

Briefmarke im Wert von 130 (Pfennig). Sie zeigt eine Bleistiftzeichnung des Gesichts einer Frau mittleren Alters. Aufschriften: „Lise Meitner“ und „Deutsche Bundespost“
Briefmarke zur Ehrung

1918 gelang es Lise Meitner, die radiophysikalische Abteilung am Kaiser-Wilhelm-Institut zu übernehmen. Sie beschäftigte sich dort intensiv mit Radioaktivität und den damit verbunde­nen Kernprozessen. Im für die Wissenschaften „goldene Zeitalter“ der zwanziger Jahre konnte sie mit großen Physikern zusammenarbeiten. Als 1921 das Neutron entdeckt wurde, be­gann die fleißige Wissenschaftlerin mit Experimenten, bei denen sie Uran mit Neutronen beschoss. Das Ergebnis waren neue chemische Elemente, sogenannte Transurane. Angetrieben durch diese neuen Erkenntnisse wollte sie dem Kern aller Materie auf den Grund gehen.

1925 konnte sie beweisen, dass Gammastrahlung stets nach der Emission von Alpha- und Betastrahlung durch einen Atomkern ausgesandt wird. Dank ihrer Fortschritte wurde Meitner 1926 in Berlin zur Professorin ernannt und somit immer mehr in den wissenschaftlichen Kreisen integriert.

In Lebensgefahr

Eine Wagenkolonne fährt über einen Platz voller Menschen, die in Richtung der Fahrzeuge den Hitlergruß zeigen.
Anschluss Österreichs

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren viele Wissenschaftler wie auch andere Bürger in großer Gefahr. Als österreichische Staatsbürgerin war sie nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich von den sogenannten Nürnberger Rassegesetzen betroffen. Um der Lebensgefahr zu entkommen, musste sie schweren Herzens Deutschland verlassen. Mit Otto Hahns Hilfe gelang die Flucht über die Niederlande nach Stockholm. Dort fand sie eine Anstellung im Nobelinstitut für Physik.

Mit den Experimenten an Radiumisotopen steuerte Meitner auf den tragischen Höhepunkt ihres Be­rufslebens zu. Im Dezember 1938 entdeckte sie zusammen mit Hahn und dem Chemiker Straß­mann die Kernspaltung von Uran und Thorium. Diese Theorie widersprach all ihren bisherigen Erfahrungen. Als sie sich über das Potenzial der bei dem Prozess freigesetzten Energie klar wur­den, war die Einsicht nicht weit, welche weitreichenden Konsequenzen ihr Einsatz haben könnte.

Schreckliches Potential

Ein feuerfarbener Atompilz erhellt die Wolken mit einem rötlichen Schimmer.
Die erste Atomexplosion

Die beim „Zerplatzen“, also der Spaltung eines Atomkerns, in Form von Strahlung freigesetzte Energie war so groß, dass schon eine geringe Menge eines geeigneten Materials als ungeheuer leistungsfähige Energiequelle dienen könnte – oder als eine grausame Waffe. Angesichts der von Hahn und Meitner veröffentlichten Forschungsergebnisse gelangten binnen kurzer Zeit Physiker auf der ganzen Welt zu dieser Schlussfolgerung.

Vor allem durch die Angst motiviert, das Deutsche Reich könnte eine solche Waffe entwickeln und einsetzen, wurde in den USA das sogenannte Manhattan Project in Leben gerufen: eine Unternehmung zur Erforschung und Konstruktion einer eigenen, US-amerikanischen Atombombe. Tatsächlich gelang es innerhalb weniger Jahre, von der physikalischen Erkenntnis zur Konstruktion einer nie dagewesenen Waffe zu gelangen.

Obwohl das Deutsche Reich im Sommer 1945 besiegt war, setzten die USA diese neue Kriegswaffe im Pazifikkrieg gegen Japan ein. Dieser Einsatz gegen die Städte Hiroshima und Nagasaki kostete mindestens einhunderttausend Menschen das Leben.

Anerkennung und Einsamkeit

Schwarz-Weiß-Foto: Drei mittelalte Menschen, zwei Frauen und ein Herr, unterhalten sich. Sie tragen feine Kleidung.
Lise Meitner bei einer Preisverleihung

Für die Entdeckung der Kernspaltung erhielt 1946 nur Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie – Lise Meitner blieb unerwähnt. Anstatt Anerkennung für ihren Beitrag zur Wissenschaft zu erhal­ten, wurde Lise für ihre bahnbrechende Entdeckung von vielen Menschen verurteilt und als „Mutter der Atombombe“ geächtet. Man machte gerade sie als Frau für die Folgen ihrer Erkennt­nis und das grausame Ausmaß verantwortlich.

An Otto Hahn schrieb sie einmal über den Beginn des Atomzeitalters:

„Ich habe keine Bombe gebaut. Ich habe keine Bombe geworfen. Ich verstehe nicht warum mich die Menschen damit in Verbindung bringen. Ich habe keine Ahnung wie eine Atombombe aus­schaut. Ich weiß auch nicht wie eine funktioniert.“

Diese Zeilen zeigen, wie verzweifelt und traurig Lise Meitner war. Sie konnte nicht fassen, wie ihre wissenschaftlichen Entdeckungen als Grundlage für militärische Zwecke missbraucht wor­den waren. Sie war schockiert über die grausamen Vernichtungswaffen, die erschaffen worden waren. Durch diese Geschehnisse verlor sie ihre Freude an der Physik für immer.

Eine metallene Skulptur zeigt die zierliche Figur der Lise Meitner und trägt eine Inschrift mit ihrer Unterschrift. Sie steht im Innenhof eines großen Gebäudes auf einer Wiese.
Denkmal in Berlin

Als Wissenschaftlerin wurde sie dennoch anerkannt, und bekam 1955 den ersten Otto-Hahn-Preis und 1957 das Bundesverdienstkreuz. 1966 erhielten Meitner, Hahn und Straßmann gemeinsam den Enrico-Fermi-Preis der Atomenergiekomission der USA.

All diese Anerkennung für eine der größten Errungenschaften in der Physik konnten privates Glück und die Unterstützung einer eigenen Familie nicht ersetzen, was ihr im Alter schmerzlich bewusst wurde. Dennoch reiste sie noch im hohen Alter um die Welt und ermutigte junge Frauen, sich in der Wissenschaft durchzusetzen. Lise Meitner starb allein am 27. Oktober 1968, nur drei Monate nach ihrem Weggefährten und Freund Otto Hahn.

Radioaktiver Rückstoß

Schema: Ein Atomkern aus vielen Protonen und Neutronen sendet ein Alphateilchen aus, das aus je zwei Neutronen und Protonen besteht.
Alphastrahlung

Unter Radioaktivem Rückstoß versteht man einen Rückstoß, den ein Atomkern beim radioaktiven Zerfall durch das Gesetz der Impulserhaltung erfährt.

Bei einem radioaktiven Zerfall wird auf den Tochterkern durch den Rückstoß eine kineti-sche Energie übertragen. Diese Energie entspricht etwa zwei Prozent der Energiefreisetzung beim Zerfall und erscheint somit relativ klein. Sie reicht aber aus, um Molekülbindungen zu zerstören.

Erstmals wurde dieser Effekt bereits 1904 von Harriet Brooks während eines Experiments entdeckt. Ernest Rutherford erkannte die Möglichkeit, diesen Effekt zur Abtrennung von Zerfallsprodukten zu nutzen.

Die Veröffentlichung fand aber erst 1909 durch Otto Hahn und Lise Meitner statt.