Das Experiment am Ende der Welt

So schnell kann's gehen: Im September 1997 fing Torsten Schmidt als Doktorand bei DESY Zeuthen an und drei Monate später weilte er schon im Reich des ewigen Eises am Südpol. Mittlerweile war der 30-jährige dreimal in Antarctica, um beim Bau des Neutrino-Teleskops AMANDA-II zu helfen.

Photo: Mann in dicker Winterjacke an einem Stab mit Kugel drauf im ewigen Eis
Zoom für Bild Torsten Schmidt am Südpol
Bildbeschreibung:
Torsten Schmidt am Südpol

Drei bis vier Wochen am Pol. Hält man das gut aus?
Das ist von Typ zu Typ verschieden. Ich mag es sehr gerne dort. Die vier Wochen sind ein gutes Zeitlimit. Vom Leben auf der Station her könnte man es dort auch länger aushalten, aber da man zum Arbeiten herunterfährt, arbeitet man die vier Wochen mehr oder minder pausenlos durch.

Es bleibt also keine Zeit sich die Gegend anzuschauen?
Da gibt es auch nicht viel zu sehen. Es ist flach, kalt, und es gibt gerade einmal zwei "Sehenswürdigkeiten": Das eine Ausflugsziel ist ein abgestürztes Flugzeug am Ende der Landebahn, eine Tour von zwei bis drei Stunden. Das andere ist eine Skihütte in etwa zehn Kilometern Entfernung, aber in der nächsten Saison soll es verboten sein, dorthin zu wandern.

Warum das?
Der Pol wird von einer privaten Firma betrieben und die hat dem - aus welchen Gründen auch immer - einen Riegel vorgeschoben.

Eine Firma betreibt den Südpol?
Genauer gesagt wurde die Firma von der US-amerikanischen National Science Foundation NSF beauftragt, Transporte, Logistik und Betrieb der Amundson-Scott-Station zu organisieren. Eigentlicher Betreiber der Station ist die National Science Foundation, die auch die verschiedenen wissenschaftlichen Programme am Pol bestimmt.
Ein weiteres Beispiel für ein verbotenes Gebiet ist die alte Station, die Ende der 1970er Jahren aufgegeben wurde. Sie liegt im so genannten "Dead Sector", was eigentlich bedeutet: Wer dort hinläuft, sitzt im nächsten Flugzeug nach Norden und darf nie wieder zum Pol. Es ist dort einfach zu gefährlich. Die Station steht da seit über dreißig Jahren verlassen, mit Schnee und Eis bedeckt und kann jeden Moment zusammenbrechen.

Ist es nicht spätestens im Winter viel zu kalt, um irgendetwas an der frischen Luft zu unternehmen?
Nun, es wird zwar schon sehr kalt, aber in den ersten paar Wochen, nachdem das letzte Flugzeug den Pol verlassen hat, kann es immer mal wieder Tage geben, an denen nur minus 40 Grad herrschen. Die tiefsten Temperaturen liegen im Winter bei minus 80 Grad.

Steht die neue Station direkt am Südpol?
Ja, aber das tat die alte auch schon einmal. Das Eis wandert nämlich in jedem Jahr um etwa zehn Meter. Deshalb wird alljährlich zu Silvester der "neue" Südpol ausgemessen und am Neujahrstag ein Pflock an die Stelle geschlagen. Das ist immer eine große Party für die ganze Station.
Es gibt überhaupt sehr viele gesellschaftliche "Events". Man mag vielleicht meinen, am Pol sei es langweilig und einsam, aber das stimmt nicht. Da ist jeden Tag etwas los. Das liegt daran, dass von den 250 Leuten, die dort leben, nur fünfzig Wissenschaftler sind. Beim Rest handelt es sich um "Support"-Leute: Elektriker, Dachdecker oder Kranfahrer, Männer wie Frauen gleichermaßen. Die arbeiten ihre acht bis zehn Stunden am Tag und dann haben sie - im Gegensatz zu uns Forschern - frei. Und natürlich wollen sie ihre Freizeit genießen.

Es gibt also Woche und Wochenenden. Wie steht es mit Tag und Nacht? Es ist doch immer hell ...
Es gibt Tag und Nacht für die Support-Leute durch ihre Schichten, aber bei uns Forschern ist das völlig offen. Wenn in der Gruppe gearbeitet wird, muss sich zwar auf eine Zeit geeinigt werden, aber sonst ist man da vollkommen frei: Die Sonne scheint immer, schlafen kann man sowieso nicht viel und alle sechs Stunden gibt es warme Mahlzeiten. Ich kann leben, wie ich will, was mir sehr gefällt. Wenn ich nicht mit anderen Leuten zusammen arbeiten muss, dann arbeite ich in der Tat so lange, wie ich kann, gehe dann schlafen und verliere ruckzuck jegliches Zeitgefühl.

Wie viele Stunden Arbeit und wie viele Stunden Schlaf ergeben sich so?
Das sind durchschnittlich fünfzehn Stunden Arbeit am Tag, können aber bei Bedarf auch bis zu dreißig am Stück sein. Dazu gesellen sich fünf Stunden eher unruhigen Schlafs. Länger zu schlafen fällt schwer. Wir übernachten in riesigen Militärzelten mit etwa zwanzig Leuten pro Zelt. Und da immer Tag ist, fehlt auch eine geregelte Nachtruhe.
Die Folge ist, dass ständig Menschen in schweren Stiefeln durch das Zelt stapfen und mit der Tür knallen. Draußen landen die Flugzeuge rund um die Uhr. Man muss schon strunzmüde sein, um überhaupt schlafen zu können.

Photo: Person in Winterausrüstung lässt eine Kugel in ein Bohrloch im ewigen Eis hinunter.
Zoom für Bild Installation von Amanda
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Neutrinos sind geisterhafte Teilchen: Winzig klein, fast masselos und elektrisch neutral, durchdringen sie mühelos die Materie. Neutrinos aus der kosmischen Strahlung nachzuweisen, ist das Ziel von AMANDA - einem Neutrino-Teleskop, das ein internationales Wissenschaftlerteam im Eis der Antarktis betreibt. Die "Augen" von AMANDA sind druckfeste Glaskugeln mit einem Lichtverstärker im Inneren. Sie hängen in kilometertiefen Bohrlöchern und registrieren die schwachen Lichtblitze, die entstehen, wenn ein Neutrino durch das klare Eis der Antarktis fliegt.

Mit welchen anderen Widrigkeiten muss der Polanfänger rechnen?
Zum geringen Schlaf gesellt sich auch eine besondere körperliche Anstrengung durch die Höhenluft, immerhin liegt die Station auf knapp 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist dünn, kalt und trocken. Innerlich trocknet man ganz schnell aus.
Die ersten Tage ist es besonders schlimm: Jeder Schritt strengt an, man sackt müde in sich zusammen und kann trotzdem nicht schlafen. Schon die kleine Steigung von fünf Metern am Ausgang des Winterlagers wird für Neulinge schweißtreibend.
Nachdem sich die Schlappheit gelegt hat, lebt man für einige Wochen ganz gut am Pol, aber dann melden sich der Schlafmangel und die Erschöpfung durch die Arbeit. Dann ist es Zeit, die Heimreise anzutreten, bevor man zusammenbricht.

Bei all den Schlafzelten sieht es bestimmt aus wie auf einem Campingplatz ...
Die Amundsen-Scott-Station selbst ist ein Hightech-Gebäude mit einer riesigen metallischen Kuppel und mehreren mehrstöckigen Häusern. Die "Sommerbewohner" leben jedoch in diesen zwanzig bis dreißig Zelten. In der Mitte befindet sich das Badehaus samt WC. Ein Örtchen das überdurchschnittlich häufig besucht wird: Wegen der trockenen Luft sollte man immer trinken, so viel und so oft wie nur möglich. Unangenehm ist es allerdings, wenn man sich gerade schlafen gelegt hat und dann doch noch mal - in voller Montur mit Hose, Stiefeln, Anorak - raus muss. Wie oft habe ich das Klohäuschen schon verflucht! Einige Leute scheuen den Weg und schwören auf die Rückkehr des Nachttopfes und haben eine Flasche bei sich am Bett postiert.

Was sind Momente, die all den kräfte- und nervenzehrenden Anstrengungen vergessen machen?
Ein besonders schönes gesellschaftliches Ereignis ist natürlich Weihnachten. Weihnachten am Pol macht wirklich Spaß. Am Heiligen Abend veranstalten die Amerikaner eine Art Julklapp. Am Morgen des ersten Weihnachtstages gibt es das "Rennen um die Welt", drei Runden um den Südpol. Dann folgt das Weihnachtsessen. Dreimal sogar, weil die Mannschaft so groß ist. Natürlich ist auch Sylvester ein großes Fest. Letztes Mal haben einige hartgesottene sogar jede Stunde den Jahreswechsel in einer anderen Zeitzone gefeiert - der Pol macht's möglich. Weitere Highlights waren in der letzten Saison Boccia und Golf. Außerdem gehen wir wenigstens einmal im Jahr in die Sauna und laufen danach nur in Badehose bekleidet einmal um den Südpol.

Na dann, gute Reise und viel Spaß!

 

Interview mit T. Schmidt, Mitglied der AMANDA-Kollaboration, über das Leben am Südpol, erschienen im Internetauftritt der DESY-Ausstellung "Licht der Zukunft" im Sommer 2000.

Dokumentinfo

  • erstellt: 25.09.2002

  • aktualisiert: 04.11.2003

  • Autor: Marc Hermann und Dirk Rathje