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Nanoröhrchen: Von aufgerollten Teppichen und Mikroraketen
Was haben Teppichrollen mit Hochtechnologie zu tun? Herzlich wenig, mag man denken. Doch ganz ähnlich wie Teppiche lassen sich auch hauchdünne Materialschichten aufrollen – und die so entstehenden Mikro- und Nanoröhrchen bilden die Grundlage ganz neuer technischer Anwendungen. Während allerdings Teppiche durch eine oder bessere mehrere Personen aufgerollt werden, rollen sich die dünnen Materialschichten ganz von selbst zu winzigen Röhrchen auf. Unlängst gelang es sogar, aus solchen Röhrchen «Mikroraketen» zu konstruieren und fernzusteuern.
Von der Schicht zur Rolle
Eine hauchdünne Schicht aus zwei verschiedenen Materialien wird auf eine so genannte Opferschicht aufgebracht. Entfernt man nun von einer Seite aus nach und nach die Opferschicht, so erzeugen die inneren Verspannungen ein Drehmoment, das die beiden Schichten zum Aufrollen zwingt.
Das Aufrollphänomen ist schematisch in der Abbildung links dargestellt. Eine hauchdünne Schicht aus zwei verschiedenen Materialien wird auf eine so genannte Opferschicht (in schwarz dargestellt) aufgebracht, die sich wiederum auf einem als Träger dienenden Substrat befindet. Wichtig ist dabei, dass die beiden hauchdünnen Schichten unterschiedliche Verspannungszustände aufweisen. Entfernt man nun mit einer geeigneten Ätzlösung von einer Seite aus nach und nach die Opferschicht, so erzeugen die inneren Verspannungen ein Drehmoment, das die beiden Schichten zum Aufrollen zwingt.
Auf die Größe kommt es an
Durchmesser der Nanoröhrchen in Abhängigkeit von der Schichtdicke. Der Durchmesser der Röhrchen hängt nicht nur von der Dicke der Schichten, sondern auch von der jeweiligen Verspannung zwischen den Schichten ab. Das Diagramm zeigt den Zusammenhang für Röhrchen aus Indiumgalliumarsenid und Galliumarsenid.
Der Durchmesser der so entstehenden Röhrchen hängt von der Dicke der Schichten und der jeweiligen Verspannung zwischen den Schichten ab. Abbildung rechts zeigt den Durchmesser als Funktion der Schichtdicke. Beträgt die Schichtdicke beispielsweise 0,8 Nanometer (ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter), so rollt sich eine Doppelschicht aus Indiumgalliumarsenid (InGaAs) unten und Galliumarsenid (GaAs) oben zu einem Röhrchen mit einem Durchmesser von 15 Nanometern auf. Erhöht man die Schichtdicke auf 5,5 Nanometer, so vergrößert sich der Durchmesser auf über 500 Nanometer. Die Wanddicke der Röhrchen hängt naturgemäß davon ab, wie viele Aufwicklungen sie bei ihrer Entstehung durchläuft. Die Abbildung links zeigt einen Querschnitt durch ein solches InGaAs-GaAs-Röhrchen. Das Röhrchen besitzt eine dicke Wand, weil es mehr als 30 Umdrehungen auf der Oberfläche durchgeführt hat.
Querschnitt durch ein InGaAs-GaAs-Röhrchen. Das Röhrchen besitzt eine dicke Wandung, weil es mehr als 30 Umdrehungen auf der Oberfläche durchgeführt hat.
Die Möglichkeit, Größe und Dicke von Nanoröhrchen über viele Größenordnungen zu variieren und zu steuern hilft bei der Integration dieser Strukturen in Anwendungen auf einem Chip. Zum Beispiel könnte man dünne Metallstreifen einrollen, um ultrakompakte Spulen oder Transformatoren zu erzeugen. Vorstellbar ist auch, dass sich eine Schichtabfolge aus Metall/Isolator/Metall/Isolator von selbst aufrollt. So könnte man einen winzigen selbst gewickelten Kondensator auf einem Chip erzeugen. In der Tat ist dies keine große Zukunftsvision mehr. Erst kürzlich gelang es dem Autor und seinen Mitarbeitern, den Aufroll-Mechanismus erfolgreich auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Materialien anzuwenden. Damit rückt die Herstellung von Mikro- und Nanoröhrchen aus praktisch jedem Material und jeder Materialkombination in greifbare Nähe.
Antrieb für Nanomaschinen
Schichtabfolge aus Silber, Gold, Eisen und Titan, die sich von selbst zu einem Röhrchen aufgewickelt. Die innere Schicht ist aus Silber - ein Metall, das katalytisch aktiv ist. Deshalb eignen sich solche Röhrchen als Antrieb für Nanomaschinen.
Die Abbildung rechts zeigt eine Schichtabfolge aus Silber, Gold, Eisen und Titan, die sich von selbst zu einem Röhrchen aufgewickelt hat. Die innere Schicht besteht aus Silber - ein Metall, das katalytisch aktiv ist. Es kommt zu einer chemischen Reaktion, wenn die Silberoberfläche beispielsweise mit einer Mischung aus Wasser und Wasserstoffperoxid in Berührung kommt. Bei dieser Reaktion entstehen Sauerstoffblasen, die aus dem Röhrchen ausgestoßen werden.
Video einer Mikrorakete: Ein Röhrchen aus den in Abbildung 4 gezeigten Materialien befindet sich in einer mit Wasserstoffperoxid angereicherten Wasserlösung. Winzige Blasen entstehen im Innern des Röhrchens, die aus einer Öffnung ausgestoßen werden. Der dadurch verursachte Rückstoß beschleunigt das Röhrchen.
Die Abbildung links zeigt ein Röhrchen, das aus exakt den in der vorigen Abbildung gezeigten Materialien besteht und sich in einer mit Wasserstoffperoxid angereicherten Wasserlösung befindet. Winzige Blasen entstehen im Innern des Röhrchens, die aus einer Öffnung ausgestoßen werden – und der dadurch verursachte Rückstoß beschleunigt das Röhrchen. Das Röhrchen bewegt sich also wie eine winzige Mikrorakete im Reagenzglas. Ein besonderes Merkmal ist, dass die Mikrorakete ihren Treibstoff nicht mit an Bord hat, sondern aus der Umgebung entnimmt. Deshalb handelt es sich fachlich korrekt ausgedrückt bei diesem Antrieb nicht um einen Raketenmotor, sondern eher um eine Art Mikrojet. Ein solcher Mikrojet-Antrieb bietet große Vorteile, beispielsweise bei zukünftigen Nanomaschinen, die im menschlichen Körper Krankheiten bekämpfen oder Aufräumarbeiten erledigen sollen. In solchen Fällen wäre es unpraktisch, wenn jede Nanomaschine einen schweren Tank mit einem begrenzten Treibstoffvorrat mitschleppen müsste.
Fernsteuerung von Mikroraketen
Die aktuelle Forschung beschäftigt sich damit, wie sich die Bewegung von solch kleinen Objekten in Flüssigkeiten beschreiben und kontrollieren lässt. Denn auf kleinen Größenskalen wird das uns so dünnflüssig erscheinende Wasser plötzlich zähflüssig. Ein Gleiten, wie wir es beim Schwimmen kennen und ausnutzen, existiert auf der Nano- und Mikrometerskala nicht. Jede Fortbewegung ähnelt dort eher einer schwergängigen Bewegung im Morast. Und wenn der Vortrieb aufhört, dann ist die Bewegung ebenfalls sofort beendet.
Geschwindigkeit einer Mikrorakete über einen gewissen Zeitraum: Es gibt keine gleichmäßige Geschwindigkeit, sondern nur ausgeprägte Geschwindigkeitsspitzen. Diese entstehen immer dann, wenn ein Bläschen aus der Rakete heraus schießt. Ist das Bläschen ausgestoßen, so stoppt die Rakete sofort wieder.
Die kleinen Objekte müssen also ständig beschleunigt werden um überhaupt voranzukommen. Das gilt auch für Mikroraketen. Die Abbildung rechts zeigt die Geschwindigkeit einer Mikrorakete über einen gewissen Zeitraum: Es gibt keine gleichmäßige Geschwindigkeit, sondern nur ausgeprägte Geschwindigkeitsspitzen. Diese entstehen immer dann, wenn ein Bläschen aus der Rakete heraus schießt. Ist das Bläschen ausgestoßen, so stoppt die Rakete sofort und bewegt sich erst dann wieder fort, wenn das nächste Bläschen an der Reihe ist.
Die Frequenz, mit der die Bläschen aus dem Röhrchen heraus schießen, ist sehr hoch. Das Auge sieht die Raketen deshalb im Mikroskop mit scheinbar konstanter Geschwindigkeit schwimmen. Diese mittlere Geschwindigkeit kann relativ zur Röhrchengröße sehr hoch sein. So legt die Mikrorakete bis zu 60 Raketenlängen pro Sekunde zurück – das ist mehr als irgendein uns bekannter Fisch an Fischlängen pro Sekunde schwimmen kann. Auf absoluter Skala ist die Mikrorakete allerdings langsamer als jede Schnecke: Sie legt nur etwa einen Meter pro Stunde zurück.
Legt man während der Bewegung einer Mikrorakete, die eine Eisenschicht enthält, ein externes Magnetfeld an, so richtet sich das Nanoröhrchen am Magnetfeld aus und lässt sich so lenken. Das Video zeigt die kreisförmige Bewegung der Rakete bei angeschaltetem rotierendem Magnetfeld und die anschließende geradlinige Bewegung nach dem Ausschalten des Magnetfelds.
Die Mikroraketen lassen sich sogar fernsteuern. Da man für ihre Herstellung beliebige Materialien verwenden kann, haben der Autor und seine Mitarbeiter auch eine magnetische Schicht aus Eisen in die Röhrchen eingewickelt. Legt man nun während der Bewegung der Rakete ein externes Magnetfeld an, so richtet sich das Nanoröhrchen an diesem Magnetfeld aus und lässt sich so lenken. Das Video links zeigt die kreisförmige Bewegung der Rakete bei angeschaltetem rotierendem Magnetfeld und die anschließende geradlinige Bewegung nach dem Ausschalten des Magnetfelds.
Nanomaschinen der Zukunft
Die Herstellung von winzigen autonomen Antrieben stellt einen kleinen Schritt dar, um in Zukunft komplexe Nanomaschinen zu konstruieren, die ihre Energie aus der Umgebung entnehmen, um selbstständig Aufgaben zu auszuführen. Eines Tages können wir vielleicht multifunktionelle Nanoroboter zu bauen, die sowohl in lebendigen Organismen als auch in Umgebungen, die für organische Materialien nicht zugänglich sind, arbeiten können.
Nanoröhrchen für die Integration auf einem Chip
Wohlangeordnete Röhrchen aus Siliziumoxid, die durch einfache lithografische Verfahren und das Selbstwickeln auf einem Chip hergestellt wurden.
Nanoröhrchen spielen seit jeher eine große Rolle in der Nanotechnologie. Ein fundamentales Problem stellt die Integration der Röhrchen in bestehende Chip-Technologien dar, weil die Position der Röhrchen nicht durch die üblichen Verfahren kontrollierbar ist. Bei den hier beschriebenen aufgerollten Röhrchen ist die Situation völlig anders: Sie lassen sich in großen periodischen Feldern einfach anordnen und somit auch in Schaltkreise integrieren. Das Bild zeigt ein Beispiel von wohlangeordneten Röhrchen aus Siliziumoxid, die durch einfache lithografische Verfahren und das Selbstwickeln auf einem Chip hergestellt wurden. Sich selbst aufrollende Schichten wurden schon vor mehr als hundert Jahren beobachtet. Die Relevanz dieses Verfahrens für Anwendungen auf einem Chip wurde jedoch erst durch die rasante Entwicklung der Nanotechnologie Anfang dieses Jahrhunderts klar.

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Dokumentinfo
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Quelle: Welt der Physik
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erstellt: 16.05.2009
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Autor: Oliver G. Schmidt, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW)
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Redaktion: Rainer Kayser
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Lizenz: CC 2.0 by-nc-nd
Mehr dazu im Web
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Links

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Institut für Integrative Nanowissenschaften am IFW
(URL: http://www.ifw-dresden.de/institutes/iin)

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Der Autor
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Oliver G. Schmidt
Professor Oliver G. Schmidt leitet das Institut für Integrative Nanowissenschaften am IFW. -
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