Der Beruf Physiker/Physikerin

Physiker - sind das nicht die Typen mit den Holzfällerhemden und den Vollbärten? Oder die smarten Überflieger und Alleskönner, die auf Partys immer vom Urknall faseln? Klischees gibt es wahrlich genug. Dabei sind die Zeiten längst vorbei, wo Physikerinnen und Physiker nur im Labor anzutreffen waren oder geniale Theorien ausgebrütet haben. Doch was genau machen Physiker eigentlich nach dem Studium oder der Promotion? Die Antworten finden sich heutzutage in Banken und Versicherungen, in Anwaltskanzleien und Softwarefirmen, in Optik- und Halbleiterfirmen, in Unternehmensberatungen, in der Automobil- oder Energiebranche und natürlich in Forschungsinstituten - und zwar auf allen Hierarchieebenen. Einige prominente Beispiele von Physikern, die es ganz nach oben geschafft haben, sind der Siemens-Vorstand für Corporate Technology, Hermann Requardt, der Vorstandssprecher der SAP AG, Henning Kagermann, seines Zeichens habilitierter theoretischer Physiker, oder der ehemalige Deutschland-Chef von McKinsey, Jürgen Kluge.

Doch bevor ein Absolvent eine solche Karriere machen kann, heißt es nach dem Diplom, dem Master oder der Promotion Abschied nehmen von der Universität - ausgenommen natürlich diejenigen, die in der Forschung bleiben wollen, in der Regel mit dem Ziel, Professor zu werden. Während für einen Maschinenbauingenieur, eine Elektrotechnikerin oder einen Bauingenieur der Berufseinstieg in einem Unternehmen noch vergleichsweise klar vorgezeichnet ist, sieht sich ein Physikabsolvent heute mit einer Vielzahl an Möglichkeiten konfrontiert, die ihm je nach individuellen Kenntnissen und Neigungen offen stehen. Dies hängt primär damit zusammen, dass es im Gegensatz zum Maschinenbau oder der Elektrotechnik für Physiker keine physikalische Industrie im engeren Sinne gibt.

Andererseits ist die Physik die Grundlage der meisten technischen Disziplinen, und daher gelten Physikerinnen und Physiker als Generalisten unter den Naturwissenschaftlern, mit entsprechend vielseitigen Tätigkeitsfeldern - von klassischen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben in Technologieunternehmen bis hin zu Unternehmensberatungen und Finanzdienstleistern. Hierbei kommt den Physikern ihre Fähigkeit zugute, ihre im Studium erworbenen analytischen Fähigkeiten und ihre physikalische Denkweise systematisch auf die Lösung neuer Probleme anzuwenden. "Ich schätze an Physikern, dass sie in der Lage sind zu denken. Nicht wurschteln" hat diese Eigenschaft ein Geschäftsführer eines Consulting-Unternehmens beschrieben. Und der Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar bringt es auf den Punkt: "Wir sind die intellektuellen Allzweckwaffen."

Physikerinnen und Physiker kommen daher auch häufig zum Zuge, wenn es für neue Technologien noch gar keine speziellen Studiengänge und entsprechend ausgebildete Fachkräfte gibt. Dieser Vorteil des Generalisten birgt in Zeiten schlechter Konjunktur aber auch die Gefahr, dass Physiker auf dem Arbeitsmarkt leer ausgehen, weil ihnen nachgesagt wird, von allem ein bisschen, aber nichts richtig zu können. Hinzu kommt, dass Physikern meist zurecht eine gewisse Praxisferne nachgesagt wird. Die wenigsten Absolventen haben eine Vorstellung davon, wie ein am wirtschaftlichen Erfolg orientiertes Unternehmen funktioniert, in dem die Vermarktung von Produkten im Vordergrund steht. "Die Stärke der Physiker liegt in Forschung und Entwicklung, durch neue Ansätze und Konzepte vorgegebene Parameter zu erreichen. Dass daraus ein Produkt wird, garantieren die Ingenieure.", sagt dazu ein Geschäftsführer aus der Laserbranche.

Lesen Sie im zweiten Teil dieses Artikels, in welchen Branchen wie viele Physiker unterkommen, welche Gehälter zu erwarten sind und welche Kompetenzen tatsächlich gefordert werden.

Dokumentinfo

  • erstellt: 21.05.2008

  • Autor: Stefan Jorda

 
25.09.2010
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