Energiegewinnung mit kleinen schwarzen Löchern?

Sollten sich an Beschleunigern wie dem LHC tatsächlich winzig kleine schwarze Löcher erzeugen lassen, so könnte man diese womöglich in einem "Proton-zu-Photon-Konverter" zur Energiegewinnung einsetzen. Ob sich so ein Konverter jemals realisieren ließe, ist bisher noch völlig unklar - sicherheitshalber hat Professor Horst Stöcker aus Frankfurt die Idee jedoch bereits zum Patent angemeldet.

Seit dem Aufkommen der Idee, dass an Beschleunigern wie dem LHC sowie in Reaktionen der kosmischen Höhenstrahlung kleine schwarze Löcher erzeugt werden könnten, besteht die ungelöste Frage, wie diese schwarzen Löcher wieder zerfallen (siehe wdp-Artikel "Schwarze Löcher von Menschenhand gemacht" und "Schwarze Löcher am LHC?"). Ohne eine - bisher unbekannte - vollständige Theorie der Quantengravitation, also eine Synthese der Quantentheorie und der Relativitätstheorie, ist es bis heute schwierig, die Endphase eines schwarzen Loches exakt zu beschreiben. Verschiedene Berechnungen deuten jedoch auf die Möglichkeit hin, dass das schwarze Loch nicht vollständig zerstrahlt, sondern einen stabilen, kalten Endzustand in Form eines neuartigen Elementarteilchens der Quantengravitation bildet, ein so genanntes Relikt oder Remanent (nach dem lateinischen Wort für "zurückbleiben").

Teilchenspuren im ALICE-Detektor
Zoom für Bild Simulation einer Teilchenkollision im ALICE-Detektor
Bildbeschreibung:

Simulation einer Proton-Proton-Kollision im ALICE-Detektor am LHC-Beschleuniger bei CERN in Genf. Die Teilchen, die bei der Kollision erzeugt werden, hinterlassen Spuren in der großen time projection chamber von ALICE und können den Physikern verraten, ob sie aus dem Zerfall eines schwarzen Lochs stammen.

Sollten diese Remanenten kleiner schwarzer Löcher wirklich existieren, erlaubten sie das Studium der Quantengravitation anhand verschiedenster Experimente. So zeigen Rechnungen, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 elektrisch geladen sein sollten und daher auch in Speicherringen umlaufen könnten. Falls es am LHC tatsächlich zur Produktion von Remanenten mikroskopischer schwarzer Löcher kommen sollte, könnten diese fremdartigen Objekte nicht nur für die Elementarteilchenphysiker von Interesse sein, sondern auch unser tägliches Leben verändern.

Energiegewinnung mit kleinen schwarzen Löchern?

Theoretisch ergibt sich nämlich die Möglichkeit, die Remanenten der schwarzen Löcher auf äußerst effiziente Art und Weise zur Energiegewinnung zu nutzen. Nach Einsteins berühmter Formel E=mc2 ist es mit einem derartigen, im Speicherring umlaufenden Remanenten möglich, Masse in Strahlungsenergie umzuwandeln: Trifft ein Remanent auf Protonen- oder Neutronenmaterial, würde diese eingefangene Materie sehr rasch in Hawking-Strahlung umgewandelt.

Das heißt, das stabile Remanent verwandelt sich nach Aufnahme z.B. eines Protons wieder in ein instabiles schwarzes Loch, dieses aber emittiert die Anregungsenergie rasch wieder in Form von Hawking-Strahlung. Damit ginge das kleine schwarze Loch umgehend wieder in den stabilen Remanentzustand über - es agiert also wie ein Katalysator in einer chemischen Reaktion - und ist damit nun wieder bereit, das nächste Proton in Photonenstrahlung umzuwandeln.

Dieser Verdampfungsprozess würde mit einer ca. 90-prozentigen Effizienz ablaufen, da nur die produzierten Gravitonen und Neutrinos nicht in nutzbare Energie überführt werden könnten. Leider ist die Zahl der unter optimistischsten Annahmen zu erwartenden stabilen Remanenten von schwarzen Löchern am LHC sowie auch deren Reaktionsquerschnitt verschwindend gering - rechnerisch könnte sonst nämlich der gesamte jährliche Energieverbrauch der Erdbevölkerung (ca. 1021 Joule) mit nur 10 Tonnen normaler Materie, wie Wasser, Sand, etc., in solchen Proton-zu-Photon-Konvertern erzeugt werden.

Winzige schwarze Löcher zur Energiegewinnung zu nutzen, klingt somit heute noch nach Sciencefiction. Da es sich dabei jedoch um eine durchaus ernst zu nehmende Möglichkeit handelt, hat einer der Autoren, Horst Stöcker, die Idee sicherheitshalber zum Patent angemeldet.

Literatur

[1] Renormalization group improved black hole space-times, A. Bonanno, M. Reuter, Phys. Rev. D62, 043008 (2000)
Black hole remnants at the LHC, B. Koch, M. Bleicher, S. Hossenfelder, JHEP 0510, 053 (2005)
TeV-scale black hole lifetimes in extra-dimensional Lovelock gravity, T. Rizzo, Class. Quant. Grav. 23, 4263 (2006)

[2] Trapping black hole remnants, S. Hossenfelder, B. Koch, M. Bleicher, http://arxiv.org/abs/hep-ph/0507140

[3] Mini black holes in the first year of the LHC, H. Stöcker, J. Phys. G32, S429 (2006) (und Referenzen darin)

Zusatzinformation:

Sind kleine schwarze Löcher gefährlich? 

Schwarze Löcher, von Menschenhand gemacht - das mag manchem beunruhigend erscheinen. Können wir wirklich sicher sein, dass die schwarzen Löcher keine Gefahr für die Erde darstellen?

Um die diesbezüglichen Risiken hochenergetischer Teilchenkollisionen abzuschätzen, wurden in den vergangenen zehn Jahren mehrere Studien durchgeführt, die letzte im Jahr 2003 mit Blick auf die Fertigstellung des LHC. Alle diese Studien ergeben, dass an Teilchenbeschleunigern erzeugte kleine schwarze Löcher - falls sie existieren - keine Bedrohung für die Menschheit darstellen. Die beiden überzeugendsten Argumente sind die Existenz der Hawking-Strahlung sowie das natürliche Vorkommen hochenergetischer Proton-Proton-Kollsionen in der kosmischen Strahlung:

  • Die Hawking-Strahlung ergibt sich theoretisch aus sehr grundlegenden physikalischen Annahmen, zu denen unter anderem die Existenz eines Ereignishorizonts gehört, durch den ein schwarzes Loch definiert ist. Der Ereignishorizont bezeichnet jene Grenze, innerhalb derer das Licht dem Gravitationsfeld eines schwarzen Lochs nicht mehr entweichen kann. Ohne Hawking-Strahlung würde es also keine schwarzen Löcher in der allgemein anerkannten klassischen Form geben. Existiert die Hawking-Strahlung aber, so müssen an Beschleunigern erzeugte mikroskopisch kleine schwarze Löcher, wie oben dargelegt, eben auch direkt wieder zerfallen.
  • Hochenergetische Teilchenkollisionen, wie sie am LHC erzeugt werden, kommen in der Natur seit Jahrmillionen vor, wenn z.B. ein energiereiche Protonen aus der kosmischen Strahlung auf die Erdatmosphäre treffen. Die täglich auf uns herabregnenden Teilchenschauer sollten, wenn diese tatsächlich existieren, dann auch kleine schwarze Löcher enthalten, die uns bis heute offensichtlich nicht geschadet haben. Ebenso können zwei Protonen der kosmischen Strahlung im Weltraum aufeinander stoßen. Für ausreichend hohe Energien der Protonen würden dabei dann wie am LHC kleine schwarze Löcher entstehen. Sollten die so erzeugten schwarzen Löcher gefährlich sein und Sterne verschlingen, würde man solche Ereignisse in Form einer riesigen Explosion ähnlich einer Supernova beobachten. Da man aber nur sehr wenige Supernovae beobachtet, kann man mit Hilfe unseres Wissens über die Zusammensetzung der kosmische Strahlung abschätzen, dass man am LHC mehr als 10 Milliarden Jahre lang - eine Zeit, die etwa dem Alter unseres Universums entspricht - problemlos Proton-Proton-Reaktionen untersuchen kann, ohne dass ein einziges weltverschlingendes Ereignis auftritt [nach Dar et al.].

Dokumentinfo

  • erstellt: 21.06.2007

  • Autor: Marcus Bleicher, Horst Stöcker

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  • Links

    • Horst Stöcker

      Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt  (URL: http://th.physik.uni-frankfurt.de/~stoecker/index.html)

    • Marcus Bleicher

      Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt  (URL: http://astro.uni-frankfurt.de/~bleicher/)

Die Autoren

  • Marcus Bleicher

    Marcus Bleicher ist Junior-Professor am Institut für Theoretische Physik der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt a.M. Er beschäftigt sich u.a. mit kosmischer Strahlung und Kollisionen schwerer Ionen.
  • Horst Stöcker

    Horst Stöcker ist seit 2007 wissenschaftlicher Geschäftsführer des GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt. Er ist Professor für Theoretische Physik an der Universität Frankfurt und beschäftigt sich u.a. mit theoretischer Kernphysik und dem Quark-Gluon-Plasma.
 
25.09.2010
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